Illegale Mineralsammler
Die Anzahl der vor dem Bug des Schiffes auftauchenden Materiebrocken
nahm stetig zu. Der Kapitän hatte also den richtigen Riecher
gehabt. Vor ihnen lag ein dichtes Feld Materiebrocken mit hoffentlich
vielen mineralischen Einschlüssen. Hoffentlich fanden sie in
diesem Materiebrockenfeld auch die seltenen nichtmagnetischen Atome,
wie zum Beispiel Aluminium oder Sauerstoff. Alleine die Mineralien
Almandin und Augit brauchten zwölf beziehungsweise sechs Atome
Sauerstoff. Damit ließe sich viel Reichtum erstehen. Von den
Wachschiffen, die sich irgendwo hinter ihnen befinden mussten, ging
keine Gefahr mehr aus. Sie wachten über die äußerste
Grenze des Reiches Pisces, um zu verhindern, das sich Schiffe zu
weit voraus wagten und damit Gefahr liefen, den äußersten
Rand des Universums zu erreichen. Ihr Kapitän konnte das zwar
Nachvollziehen, aber dieser äußerste Rand des Universums,
war aller Wahrscheinlichkeit nach, noch in unbekannter Ferne. Seit
Jahrhunderten war man ihm nicht begegnet. Warum sollte es nun so
sein, fragte er sich. Er warf einen Blick auf den Partikelzähler
und sah, dass die Anzahl der magnetischen Partikel im Fluid höher
als normalerweise der Fall war. Ein Zeichen für mineralische
Ablagerungen in den Materiebrocken vor ihnen. Allerdings verwirrte
ihn die Anzeige des Flussmessers, der die Stärke des magnetischen
Feldes vom oberen und unteren Rand des Universums anzeigte. Das
Schiff befand sich derzeit mit rund fünfzig Meter Abstand recht
genau zwischen dem oberen und unteren Rand des Universums. Die Stärke
des magnetischen Feldes sollte also einen mittleren Wert zeigen.
Die Anzeige variierte aber recht stark. Das war sehr ungewöhnlich.
Aber bevor er sich weiter Gedanken darüber machen konnte, war
ihr Schiff der Ballung von Materiebrocken nahe gekommen. Während
die Besatzung mittels der langen Absorberstangen die Materiebrocken
vom Schiff fernhielten, achtete er ausschließlich auf seinen
Kurs.
Vorsichtig manövrierte er in die Ballung der Materiebrocken
hinein. Dabei hielt er Ausschau nach einem Materiebrocken, der viele
Mineraleinschlüsse versprach. Die Materiebrocken am Rande der
Ballung bewegten sich kaum. Dies galt allerdings nicht für
die weiter innen Schwebenden. Die Ursache lag in der variierenden
Feldstärke des magnetischen Feldes, das so ungewöhnlich
war, das er noch nie etwas im Reich Libra davon gehört hatte.
Dieses sich ständig verändernde Feld bewegte die magnetischen
Partikel im Fluid und die wiederum die Materiebrocken. Aber warum
dann nur die im Inneren der Ballung und nicht auch die am Rande?
Erst, als eine bläulich wallende Fläche direkt vor dem
Schiffsbug auftauchte, verstand er die seltsame Anzeige des Flussmessers.
Zitternd umklammerte er das Steuerrad, während sich der Bug
des Schiffes an den Rand des Universums heranschob. Nun waren auch
weitere Besatzungsmitglieder auf die äußerste Begrenzung
aufmerksam geworden. Sie versuchten, nach anfänglichem Zögern,
das Schiff davor zu bewahren mit dem Rand in Kontakt zu kommen.
Denn einer Prophezeiung nach, würde dies den unweigerlichen
Untergang des Universums nach sich ziehen. Aber das Schiff hatte
zu viel Geschwindigkeit und so berührte der Bug den Rand ihres
Universums.
Das bläuliche Wallen des Randes verstärkte sich kurz,
während das Schiff schlagartig zurückgestoßen wurde.
Aber nicht nur das Schiff wurde zurückgestoßen, sondern
auch alles Materiebrocken. Die Feldstärke, die vom Rand des
Universums ausging, begann rasant zu steigen und trieb die magnetischen
Partikel im Fluid vor sich her. Den Materiebrocken, die an ihnen
hafteten, blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen.
Immer schneller werdend zerrieben sie das Mineralsammelschiff zwischen
sich, während sie immer schneller werdend auf den Zentrumsbereich
des Universums zurasten. Gleichzeitig damit verursachte das kurzfristig
angestiegene Wallen des Randes, einen tiefen Ruf zu verursachen.
Dieser tiefe Ruf bewegte sich nicht, denn er kam aus den Begrenzungen
des Universums selbst und war somit überall darin zu vernehmen.
Es verkündete, dass das Universum implodierte.
Wachschiffpatroille
Das Wachschiff zog langsam seine Bahn in dem ihm zugewiesenen Bereich
der Grenze zwischen den Reichen Libra und Pisces. Wie zwischen allen
zwölf Reichen gab es kaum Zwischenfälle. Vor einigen Hunderten
Jahren war das noch ganz anders gewesen. Heute achteten die Wachschiffe
eher auf Mineralsammelschiffe, die sich in Richtung auswärts
aus den Grenzen des Reiches aufmachen wollten. Vorwiegend heimlich
natürlich und genau aus diesem Grund zog das Wachschiff seine
Bahn. Dabei achtete es auch darauf, Irrläufer der Materiebrocken
wieder in Richtung des Reiches Libra zurückzubringen. Da auch
die Wachschiffe des Reiches Pisces dies taten, blieb immer ein schmaler
Bereich frei von Materiebrocken. Die Zeiträume bei dem das
Wachschiff einen Materiebrocken zurückholte, war es natürlich
für Mineralsammelschiff, das ein heimlich unterwegs war, gut
zu sehen. Umgekehrt allerdings auch. Erst wenn sich das Wachschiff
zwischen den Materiebrocken am Rand der Grenze verstecken konnte,
wagten die Mineralsammelschiffe den freien Bereich, schnell zu überqueren.
In der Hoffnung, vom Wachschiff nicht gesehen zu werden, da es sich
vielleicht gerade hinter einem Materiebrocken befand. Eine zugegeben
vorhandene Möglichkeit, die es hin und wieder einem Mineralsammelschiff
ermöglichte, ungesehen den Grenzbereich zu durchqueren. Vor
allem hier in der Nähe der äußersten Grenze des
Reiches.
Nicht weit entfernt lag die äußerste Grenze des Reiches.
Wobei das Reich Pisces ihre äußerste Grenze um etwa eine
Tagesreise weiter nach außen geschoben hatte, als das Reich
Libra. Es war auch das einzige Reich im kreisrunden und flachen
Universum, das sich am weitesten nach außen getraut hatte.
Aber als dann alle anderen Reiche in ihrer Ausdehnung verharrten,
stoppte es seine Ausbreitung ebenfalls. Die Gefahr, dass die alte
Prophezeiung eintreten könnte, war auch dem Reich Pisces zu
groß. Denn die Aussage der Prophezeiung auf das Ende des Universums
war endgültig. Jeder Bewohner der zwölf Reiche kannte
diese Prophezeiung, aber nicht alle achteten sie. Die Aussicht auf
großen Reichtum durch noch unentdeckte Mineralien in den Materiebrocken
an den Randbereichen der Reiche war zu groß. Damit nicht zufällig
ein Schiff an den Rand des Universums geriet, zogen unzählige
Wachschiffe an den Randbereichen der Reiche entlang und sollten
dies verhindern. Jedes Schiff, das den Grenzbereich durchflog, wurde
ohne Gnade abgeschossen. Vorausgesetzt, ein Wachschiff entdeckte
es. Und so zog auch dieses Wachschiff seine Bahn zum Schutz des
Universums.
Völlig unerwartet war plötzlich ein tiefer Ruf von überall
her zu vernehmen. Auch der obere und untere Rand des Universums
vibrierte wellenförmig. Für das Wachschiff war dies jenseits
seiner Automatik und konnte ignoriert werden. Jedoch hatte der tiefe
Ruf, gravierende Auswirkungen denn er schaltete die Automatik ab.
Das Wachschiff kam zur Ruhe, konnte aber intern weiterhin funktionieren.
Eine Bewegung veranlasste das Wachschiff, seine Aufmerksamkeit in
die Ferne zu richten. Entweder ein Mineralsammelschiff oder ein
freier Materiebrocken im Grenzbereich. Beides bedingte eigentlich
eine Aktion des Wachschiffes. Dazu war es aber nicht mehr fähig.
Aber selbst wenn würde es dem Wachschiff nichts nützen,
denn was auf dem Wachschiff mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit
zuraste, war es nicht automatisiert worden. Es war kein Mineralsammelschiff
und auch kein einzelner Materiebrocken, sondern eine Welle aus unzähligen
Mineralbrocken, die auf das rein automatisch funktionierende Wachschiff
zuraste. Und es wenige Sekunden später, zwischen sich zerrieben.
Mineralienhändler
«Eisen, ganz günstig», rief ein Mineralienhändler
von seinem Stand aus in die Menge. «Drei Atome für nur
ein Atom Selenium.» Das war wirklich günstig, fand er.
Leider hatte er kein Seleniumatom dabei und Eisenatome suchte er
derzeit nicht. Er streckte sich kurz in die Höhe, um einen
Blick über die Menge der handelnden Mineralienhändler
werfen zu können. Der Wimpel, den er schon zu beginn des Händlermarktes
gesehen hatte, flatterte im Fluid nicht weit vor ihm. Er schob sich
wieder durch die Menge und erreichte den von ihm gesuchten Stand.
Hier im Reich Sagittarius wurden vorwiegend nichtmagnetische Mineralien
gehandelt. Er hoffte hier, die ihm fehlenden Aluminiumatome zu finden,
um einen Kern Almandin erzeugen zu können. Zwei dieser selten
vorkommenden Atome suchte er. Drei Atome Silizium und Eisen sowie
zwölf Sauerstoffatome hatte er bereits zusammen. Mit diesem
Mineral, sowie den schon zusammengesetzten anderen, wollte er seine
Erfindung, eine rein magnetisch arbeitende Absorberstange konstruieren.
Wobei es diese immer hinderliche Stange nicht mehr geben sollte.
Solange Materiebrocken weit vom Schiff schwebten, waren sie durchaus
problemlos einsetzbar. Allerdings wenn sie dem Schiff schon zu nahe
gekommen waren, wurde es unhandlich aufgrund ihrer Länge. Auch
wenn sie in ihrer Länge durchaus einstellbar waren. Nur dass
oft einfach die Zeit fehlte, um die Absorberstange entsprechend
zu kürzen. Es kam immer wieder vor, dass sich mehrere Besatzungsmitglieder
mit ihren zu langen Absorberstangen in die Quere kamen und sich
gegenseitig behinderten. Wobei hin und wieder ein Schiff mit einem
Materiebrocken zusammentraf und es zerstörte. Mit seiner Erfindung
würden solche Behinderungen der Vergangenheit angehören.
Das Almandinmineral sollte dabei eine wichtige Funktion erfüllen.
Zumindest teilten es ihm seine Berechnungen mit. Auf diesem Händlermarkt
war er nun, weil er nicht die finanziellen Mittel hatte, sich ein
schon fertiges Almandinmineral zu kaufen. Er musste es selbst aus
den Einzelatomen herstellen. Das dauerte länger, war aber um
den Faktor sechzig günstiger.
Das Fluid auf dem Händlermarkt übertrug eine Vielzahl
von Gerüchen. Wer geübt war, konnte schon dem Geruch nach
feststellen, in welche Richtung bestimmte Mineralien ge- oder verkauft
wurden. Und es war laut. Fast jeder Händler hatte eine tiefe
Stimme, um seine Mineralien anzupreisen. Und bei den Verhandlungen
um den richtigen Preis oder Tauschwert ging es oft auch lauter zu.
Die allgegenwärtige Geräuschkulisse wurde plötzlich
durch einen unheimlich tiefen Ton durchbrochen. Er war nur kurz
zu vernehmen, aber er schien von überall her zu kommen. Es
wurde kurz still auf dem Händlermarkt, aber dann begann sich
die normale Geräuschkulisse, wieder zu bilden. Auch er wandte
sich nach kurzem Zögern, irgendetwas hatte es mit diesem tiefen
Ton auf sich, wieder dem Stand vor ihm zu. Ihm viel der Zusammenhang
nicht ein und der bevorstehende Handel drängte sich wieder
in sein Bewusstsein.
Bevor er den Händler auf sich aufmerksam machen konnte, gab
es irgendwo hinter ihm einen Aufruhr auf dem Händlermarkt.
Er drehte sich um und bemerkte Seltsames. Gläser mit Einzelatomen
oder Mineralen darin schwebten von den Tischen empor. Er holte aus
einer Jackentasche einen kleinen Flussmesser hervor. Da er sich
dabei leicht zur Seite drehte, erkannte er auch, dass die Gläser
des Händlers, vor dem er stand, nicht davonschwebten. Dies
Bestätigte seine Theorie, bevor er einen Blick auf seinen Flussmesser
warf. Er zeigte eine stetig steigende Feldstärke an. Alle magnetischen
Elemente folgten dem höheren Magnetfeldströmen und begannen
sich zu bewegen. Nur die nichtmagnetischen Elemente, wie sie der
Händler vor ihm anbot, blieben, wo sie waren. Unter seinen
Füßen bemerkte er nun auch das leichte Zittern des Materiebrockens,
auf dem sich dieser Händlermarkt befand. Auch er begann sich
zu bewegen, wobei er aber noch von zahlreichen Verbindungsstegen,
die ihn mit den benachbarten Materiebrocken verbanden, daran weitesgehend
gehindert wurde. Da die Feldstärke stetig stieg, wie der Flussmesser
zeigte, würde dies aber nicht von Dauer sein. Es wurde gefährlich
auf dem Materiebrocken zu bleiben und so machte er sich auf zu seinem
Schiff. Auf seinen Weg durch die nun panisch werdende Menge aufgrund
des immer unsicher werdenden Materiebrockens fiel sein Blick erst
nach oben, als es längst zu spät war. Er konnte noch kurz
eine, die komplette Höhe des Universums ausfüllende Welle
von Materiebrocken auf sich zukommen sehen.
Archivar
Als der oberste Archivar des Reiches Aries den tiefen Ruf des Universums
hörte, schlug sein Herz so schnell wie noch nie zuvor. Gerade
eben noch sortierte er alte Zusammensetzungen von magnetischen Mineralien
und gleich darauf war er zum Observationsraum unterwegs. Von Anbeginn
seiner Laufbahn als Archivar wusste er um den tiefen Ruf des Universums,
wie ihn die Prophezeiung beschrieb. Aus eigenen Erfahrungen war
ihm bewusst, das nur wenige in den zwölf Reichen um die reale
Bedrohung wussten, wenn der tiefe Ruf zu vernehmen war. Aus uralten
Überlieferungen wusste er auch um die Entstehung des tiefen
Rufs. Während der Entstehung des Universums war dem Fluid eine
Signalschwingung aufgeprägt worden, die mittels komplizierter
Apparate auf Pyrrhotin- und Ilmenitbasis nachgewiesen werden konnte.
‹6-E-Q-U-J-5›, dieser Signalverlauf war jedem Archivar bekannt.
Der tiefe Ruf sollte genau diese Schwingung aufweisen. Unter den
Archivaren der königlichen Zitadelle gab es durchaus andere
Meinungen, was die Ausbreitung des tiefen Rufs anging. Während
die einen davon ausgingen, dass er allein durch die Berührung
des äußersten Randes des Universums und dann auch genau
dort entstand, war er der Meinung, dass der tiefe Ruf genau im Zentrum
des Universums seinen eigentlichen Ursprung hatte. Da der tiefe
Ruf überall im Universum gleichzeitig erklang, war eine genaue
Zuordnung des wirklichen Ursprungs nur theoretisch zu ermitteln.
Zudem erklang der tiefe Ruf nur ein einziges Mal und das auch nur
kurz.
Inzwischen hatte er den Observationsraum erreicht und besah sich
die Anzeigen der darin befindlichen Messinstrumente. Sie bestätigten
den tiefen Ruf, der inzwischen verklungen war. Allerdings nicht
die Auswirkungen, deren Beginn er dem Universum mitteilte. Auch
ein Blick durch das Teleskop zum oberen und unteren Rand zeigte
noch die Auswirkungen, die der tiefe Ruf mit sich brachte. Der Observationsraum
befand sich in einem eigenen Materiebrocken mit etwa achtzig Metern
länge aber nur zwanzig Meter Durchmesser. Ausgerichtet wurde
er durch diverse magnetische Mineralien, die ihn entsprechend im
Magnetfeld des Universums ausrichteten. Und zwar derart, dass seine
Längsausrichtung vom oberen zum unteren Rand des Universums
zeigte. Jedes Ende des Materiebrockens lag also nur etwa zehn Meter
vom jeweiligen Rand des Universums entfernt. Verbunden mit der königlichen
Zitadelle durch einige wenige Verbindungsröhren. Durch zahlreiche
Spiegelfelder wurde ein Abbild des jeweiligen Randes des Universums
auf einen Tisch projiziert. So genau, dass der oberste Archivar
die Schwingungen im bläulichen Wallen erkennen konnte. Dieses
Wallen wurde von diversen magnetischen Ilmenitapparaten aufgebrochen
in seinen Signalverlauf zerlegt. Der oberste Archivar suchte sofort
nach dem Signalverlauf, die genau im Augenblick des tiefen Rufs
aufgezeichnet worden war. ‹6-E-Q-U-J-5›. Und auch die Richtung,
aus der sich dieser Signalverlauf ausgebreitet hatte, konnte durch
einen Kassiteritapparat entschlüsselt werden. Im Observationsraum
herrschte große Aufregung unter den immer zahlreicher werdenden
Archivaren. Nun war der Beweis erbracht worden, dass der tiefe Ruf
zwar vom äußersten Rand des Universums verursacht, aber
vom Mittelpunkt des Universums ausging. Neben der optischen Erfassung
nahm der oberste Archivar auch die weiteren Daten von den anderen
Archivaren entgegen. Die Feldstärke des Magnetfeldes begann,
ganz langsam anzusteigen. Auch die der Partikelzähler wies
erhöhte Partikel im Fluid nach. Der oberste Archivar fasste
die Ergebnisse zusammen und erkannte das sich das Universum durch
eine Implosion von außen nach innen her vernichten würde.
Beziehungsweise dies ja schon tat! Da der tiefe Ruf überall
im Universum gleichzeitig zu hören war, hatte die königliche
Zitadelle hier am inneren Ende, fast am Rand des inneren Bereiches
gelegen, noch etwa vierzehn Perioden Zeit, bis auch hier alles vernichtet
wurde. In den Bereichen des Reiches Libra, die näher zum äußersten
Rand lagen, trat die Vernichtung bereits ein. Es wurde Zeit, den
König aufzusuchen und ihm die grauenvolle Neuigkeit über
das Ende des Universums mitzuteilen. Kaum das der oberste Archivar,
dass Observationsraum verlassen hatte, wurde er schon von der Wache
abgeholt. Der König erwartete ihn bereits.
Evakuierung
Der König sah seinem obersten Archivar nach, als der aus dem
Thronsaal verschwand. Er hatte ihm bestätigt, was er schon
wusste. Der Untergang aller zwölf Reiche war eingeleitet. Ein
Schiff irgendeines Reiches hatte den äußersten Rand des
Universums erreicht und ihn berührt. Und damit den Untergang
des Universums, wie ihn die Prophezeiung beschrieb, verursacht.
Der Archivar hatte ihm von etwa vierzehn Perioden berichtet, bis
die Implosion den inneren Bereich erreichen würde. Also etwa
dreizehn Perioden, bis die Implosion die königliche Zitadelle
erreichte. Aber die dritte Zeile der Prophezeiung teilte unmissverständlich
mit, dass sich nur das schnellste Reich retten konnte. Demnach trat
der Untergang schnell ein. Und ihm blieb somit nicht viel Zeit,
damit das Reich Aries das Rennen in die Sicherheit eines benachbarten
Universums, gewann. Er gab die entsprechenden Befehle, die seine
Familie, sämtliche Bedienstete sowie die Flotte auf dem schnellsten
Weg in den inneren Bereich des Universums schicken würde. Wie
die zweite Zeile der Prophezeiung besagte, war dieser innere Bereich
mit dem Ertönen des tiefen Rufs frei zugänglich. Damit
war zum einen die Gefahr im Inneren des inneren Bereiches des Universums
gemeint und zum anderen die Wachschiffe, die den inneren Bereich
bewachten. Denn diese besaßen eine uralte Programmierung,
die der erste König des damaligen noch einzigen Reiches einprogrammieren
ließ und die seitdem auch nie entfernt worden war. Aufgrund
dieser Programmierung, die aktiv werden würde, sobald der tiefe
Ruf ertönte, stellten die Wachschiffe ihren Dienst ein. Damit
war der Weg für alle Bewohner in den inneren Bereich des Universums
frei. Und wenn die Prophezeiung zutreffend war, gab es im Zentrum
des inneren Bereiches auch einen Zugang zu einem benachbarten Universum.
Dorthin würde er sich nun auch, inmitten seiner Flotte, aufmachen.
Wie auch alle Bewohner seines Reiches und die aller anderen elf
Reiche. Die Wachschiffe würden die Flotte begleiten denn mit
ertönen des tiefen Rufs hatten sie ihre eigentliche Bedeutung
und Aufgabe verloren. Der Zugang zum inneren Bereich des Universums
musste von nun frei zugänglich sein. Auch wenn er als König
über die spezielle Frequenz für die Deaktivierung der
Wachschiffe verfügte. Als seine Wache ihm mitteilte, dass die
Flotte einsatzbereit war, machte er sich auf zu seinem Flaggschiff.
Vieles musste zurückgelassen werden. Aber dafür war einfach
kein Platz auf den Schiffen. Und er ahnte, dass der freie Platz
während der Flucht durch die Aufnahme von Schiffbrüchigen
im inneren Bereich abnehmen würde. Auch wenn die Prophezeiung
aussagte, dass der Bereich des Überganges frei sein würde.
Er ahnte, das, damit nicht der gesamte innere Bereich gemeint war.
Zudem würde es zu Streitigkeiten zwischen den Schiffen der
zwölf Reiche kommen. Daher würde er auch die ehemaligen
Wachschiffe mitnehmen. Die elf anderen Könige würden ähnlich
handeln. Als die Flotte von der königlichen Zitadelle ablegte,
sah er nicht zurück. Das Ziel der Flotte war nun der innere
Bereich und der lag vor ihnen.
Rennschiff
Er transferierte die letzten Eisenatome zum Bug des Rennschiffs,
um auch noch das letzte Quäntchen an Geschwindigkeit herauszuholen.
Er sah nur selten zurück auf das Grauen, das ihrem Rennschiff
folgte. So ganz fassen konnte er es noch nicht. Auch seine Besatzung
nicht, die wie erstarrt hinter ihm auf dem Boden hockte und auf
ihr Entkommen, warteten. Denn auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten,
sie konnten dem Grauen hinter ihnen nicht ewig davonfahren. Spätestens,
wenn seine Konzentration nachließ und sie mit einem Materiebrocken
kollidierten. Oder wenn sie zu weit vom geradlinigsten Kurs abweichen
mussten. Sein Rennschiff war schneller als die Welle aus zerriebenen
Materiebrocken, die während des Rennens plötzlich aufgetaucht
war. Dabei hatte das periodisch wiederkehrende Rennen zwischen den
beiden Städten im Reich Taurus so gut begonnen. Das sportliche
Highlight, hier im äußersten Bereich des Reiches Virgo.
Von Beginn an dominierten sie mit ihrem Doppelrumpfschiff das Feld
der Teilnehmer. Bis dann diese grauenvoll anzusehende Welle hinter
der Stadt auftauchte. Sie überrollte die in den verbundenen
Materiebrocken angesiedelte Stadt in sehr kurzer Zeit. Inzwischen
wusste er auch um die Bedeutung des tiefen Rufs, den sie wenig vorher
gehört hatten. Die Prophezeiung war also wahr. Das Universum
implodierte und das, was hinter ihnen aufgetaucht war, war die Welle
der Implosion, die alle Materie vom äußersten Rand des
Universums, zu dessen Mitte hin, vor sich hertrieb. Vor dem Rennschiff
tauchte eine größere Ansammlung von mit Röhren verbundenen
Materiebrocken auf. Sie hatten die benachbarte Stadt erreicht und
damit ihr eigenes Ende. Es blieb keine Zeit zum Vorbeifliegen, denn
die Welle aus zerriebenen Materiebrocken war dicht hinter ihnen.
Und sie war wie eine Wand, die sich endlos zu beiden Seiten ausdehnte.
Er sah nur kurz zurück auf das Grauen, dann wechselte er einen
kurzen Blick mit seiner Besatzung und nahm Kurs auf den am nächsten
vor ihm befindlichen Materiebrocken der Stadt. Weiterfliegen hatte
keinen Sinn und es gab einen schnelleren Tod als zwischen kleinsten
Steinchen zerrieben zu werden. Der Materiebrocken wuchs schnell
vor dem Bug des Rennschiffs und bereitete seiner Besatzung und ihm
einen kurzen gnädigen Tod, als das Rennschiff mit ihm kollidierte.
Spionage
Der Thronsaal war leer bis auf die persönliche Wache, einige
Schritte neben ihm. Als die Tür zum Thronsaal sich schloss,
öffnete er die versiegelten Berichte. Vorher hatte er die Siegel
auf den Berichten genau betrachtet und geprüft. Sie waren korrekt
und intakt. Versiegelt waren sie von seinen Spionen, die er vor
langer Zeit in die benachbarten Reiche geschickt hatte. Es war immer
gut über die Aktivitäten in den Nachbarreichen, unterrichtet
zu sein. Den Siegeln nach kamen diese Berichte von drei verschiedenen
Spionen aus dem Reich Gemini. Die Tatsache dass sie ihn gleichzeitig
erreichten, machte ihm sorgen. Irgendetwas Größeres musste
im Reich Gemini vorgehen.
Der erste Bericht beschäftigte sich mit dem allgemeinen Leben
in der königlichen Zitadelle. Sein dort platzierter Spion hatte
die Aufgabe, das Verhalten und die Entscheidungen unter den Bediensteten
der königlichen Zitadelle zu beobachten. Seiner eigenen Erfahrung
nach, spiegelte das Verhalten der Bediensteten die Wünsche
und Entscheidungen des Königs wieder. Weswegen es in seiner
königlichen Zitadelle auch kaum Bedienstete gab. Der Spion
beschrieb eine große Unruhe unter den Bediensteten. Unangekündigte
Gäste des Königs mussten untergebracht und versorgt werden.
Getroffene Wünsche des Königs wurden kurz vor Erfüllung
zurückgenommen und vieles mehr. Viele Kleinigkeiten, aber sie
zeigten, dass der König vor schweren und weitreichenden Entscheidungen
stand. Der zweite Bericht beschäftigte sich mit der öffentlichen
Meinung, die der Spion auf den kleinen Händlermärkten
aufnahm. Es wurden verstärkt Arbeitskräfte von vielen
Konsortien gesucht. Beste Bezahlung wurde versprochen. Von den Händlern
wurden verstärkt magnetische Mineralien aber auch Einzelatome
gekauft. Und in vielen Fällen waren es keine anderen Händler,
sondern wieder Konsortien. Dies wies auf eine verstärkte Wirtschaft
hin. Letztendlich brachte der dritte Bericht etwas Genaueres zutage.
Der Spion berichtete darin von einer Erhöhung der Anzahl von
Wachschiffen an der Grenze zum Reich Scorpio.
Der König senkte die Berichte, wobei er darauf achtete, diese
vorher zu falten. Wenn er Spione aussenden konnte, so konnten das
alle anderen Reiche auch. Ein verstohlener Blick zu seiner persönlichen
Wache bestätigte ihm, dass diese ihren Blick auf die Thronsaaltür
gerichtet hielt. Wenn eine Gefahr für ihn auftauchen sollte,
so dort. Die Berichte bestätigten ihm eines. Es sah ganz nach
einer Mobilmachung im Reich Gemini aus. Und das Ziel dieser Mobilmachung
war anscheinend das Reich Scorpio. Ein Krieg, nach über tausend
Perioden Frieden?
Produktionssteigerung
Er seufzte wieder einmal lautlos auf. Soeben hatte ihm ein Bote
die neuen Vorgaben des Königs übermittelt. Er hielt sich
die Mitteilung noch einmal vor Augen. Unrealistisch war das, was
ihm dazu einfiel. Sieben Schiffe pro Periode, war schon ein Schiff
über dem eigentlichen Limit dieser Werft. Nun sollten es zehn
Schiffe pro Periode werden. Als Begründung hatte der Bote eine
Mobilmachung des Reiches genannt. Sollte es ein Krieg geben? Mit
welchem der benachbarten Reiche? Libra oder Scorpio? Er konnte es
sich nicht vorstellen, denn der letzte Krieg in den zwölf Reichen
lag mehrere tausend Perioden zurück. Er hatte zwar nicht die
weitreichenden Kontakte und Wissensquellen wie der König aber
als Werftleiter stand er mit vielen einflussreichen Stellen in Verbindung.
Von keiner dieser Stellen hatte er auch nur einen Hinweis auf einen
Krieg erhalten, den das Reich Gemini beginnen wollte. Er wüsste
auch keinen Grund für einen Krieg. Mit den benachbarten Reichen
gab es zahlreiche Handelsbeziehungen. Auch seine Werft bezog aus
dem Reich Scorpio einige seltene magnetische Mineralien und vorwiegend
aus dem Reich Libra nichtmagnetische Atome. Sollte es zu einem Krieg
kommen, so würden diese Vorbereitungen, wozu auch seine Produktionssteigerung
zählte, den benachbarten Reichen nicht verborgen bleiben. Wie
sollte er dann noch die für die Produktion der Schiffe benötigten
magnetischen Mineralien und nichtmagnetische Atome bekommen?
Über solche Auswirkungen würde der König wohl eher
nicht nachgedacht haben, als er die neuen Vorgaben festlegte. Er
sah durch die Öffnung zur Werft hinüber. Zahlreiche Greifarme
sowie sonstige Mechanismen arbeiteten dort bereits im Akkord. Wie
sollte er dies noch steigern? Die einzige Möglichkeit, die
ihm einfiel, wäre ein Ausbau der Werft selbst. Aber das benötigte
sehr viel Zeit. Und die Mitteilung besagte eine Produktionssteigerung
und keinen Werftausbau. Er ließ die Mitteilung sinken, während
sein Blick über die Werft glitt. Sie bestand aus drei verbundenen
Materiebrocken sowie zwei weiteren, die als Materialbunker dienten.
Sein Blick verharrte auf diesen beiden Materiebrocken. In ihren
Kavernen lagerten die Bestandteile für den Bau der Schiffe
aber auch Greifarme und Mechanismen als Reserve für einen Ausfall.
Dann hatte er die Lösung für sein Problem. Die Reserve
wurde aktiver Bestandteil der Werft und dadurch, dass Produktionszahl
erhöht wurde, gab es auch weniger Materialvorrat für die
Schiffe. Somit wurde ein Materiebrocken verfügbar. Die Werft
würde die angeordnete Produktionssteigerung über eine
Ausweitung erfüllen können. Es würde nur eine Periode
dauern, bis die geforderten zehn Schiffe pro Periode gefertigt werden
konnten. Als er später den Materiebrocken besichtigte, der
nun produktiver Bestandteil der Werft wurde, vernahm er den tiefen
Ruf des Universums. Er hatte ihn noch nie gehört, aber nur
er konnte es sein. Schlagartig wurde ihm auch klar, warum der König
die Produktionssteigerung angeordnet hatte. Er würde jedes
Schiff brauchen, wenn sich ihr Reich in den inneren Kern aufmachen
würde.
Beobachter
Sen ganzes Leben wartete er schon auf den tiefen Ruf des Universums.
Er hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als er ihn vernahm. Sofort
saß er wieder an dem Fernfeld. Er hatte es erst kürzlich
mit Cubanit verbessert. Das magnetische Mineral hatte er sich auf
einem Händlermarkt besorgt. Es hatte ihn seine gesamten Ersparnisse
gekostet, aber es verzehnfachte auch seinen Blick nach auswärts
zum Rand des Universums hin. Nicht, dass er den sehen konnte, aber
er wartete auf den tiefen Ruf und dem, was er von dort aus bringen
würde. Früher hatte er Geschichten darüber geschrieben,
die viel gelesen wurden. Zumindest in seiner näheren Umgebung.
Im Reich Capricornus hatte er es nicht zu einer Berühmtheit
gebracht. Aber daran lag ihm auch nichts. Es war eben nicht von
Vorteil gewesen, vom drohenden Ende des Universums zu erzählen.
Das wollte niemand hören. Zumindest die Kinder mochten seine
Geschichten. Damals. Diese Zeiten waren lange vorbei. Geschichten
schrieb er noch immer, aber sie lagerten nun in den Regalen an den
Wänden seines Materiebrockens. Als er von seinen ehemaligen
Nachbarn immer direkter aufgefordert wurde, wegzuziehen, hatte er
diesen Materiebrocken gefunden. Er schwebte idealerweise am Rande
eines größeren Clusters. Von diesem Materiebrocken aus
hatte er einen sehr weiten Blick in Richtung des äußersten
Randes des Universums. Genau das, was er gesucht hatte. Nun saß
er seit Jahren am Fernfeld und beobachtete die Bewegungen der Materiebrocken
im Fluid des Universums. Sie wurden letztendlich von den kleinen
magnetischen Partikeln im Fluid beeinflusst. Diese wiederum von
den Magnetfeldern, die vom oberen und unteren Rand des Universums
ausgingen. Als er den tiefen Ruf vernahm, sah er immer wieder auf
den Partikelzähler. Als dieser plötzlich eine ständig
steigende Anzahl registrierte, wusste er, dass die Welle nicht mehr
weit war. Trotz allem musste er zwei Perioden warten, bis sie im
Fernfeld auftauchte. Sie war genauso, wie er sie sich immer vorgestellt
und beschrieben hatte. Er war zwar nie ein Archivar gewesen, aber
er wusste genug, um herauszufinden, wie diese Welle erzeugt wurde.
Durch die Berührung des äußersten Randes des Universums
wurde so etwas wie ein Kurzschluss zwischen dem oberen und unteren
Rand ausgelöst. Dies hatte seiner Meinung nach zur Folge eine
Verstärkung des Magnetfeldes. Diese würde vom äußersten
Rand her geschehen und sich sehr schnell nach innen hin bewegen.
Was wiederum die magnetischen Partikel von außen nach innen
hin verschob. Und diese nahmen alle frei schwebenden Materiebrocken
mit sich. Eine gigantische Welle würde entstehen. Davon hatten
seine Geschichten erzählt. Sie würde gleichzeitig alle
zwölf Reiche vernichten. Nun würden die Erwachsenen, die
ihn nicht mehr in ihrer Nähe dulden wollten, durch die Realität
eines besseren belehrt. Die Welle bestand in ihrem vorderen Teil
aus grob zerbrochenen Materiebrocken. Weiter im Inneren würden
diese groben Brocken immer kleiner zerrieben werden, da die gesamte
Welle ja in ständiger Bewegung war. Sie rollte unaufhaltsam
vom äußersten Rand des Universums zu dessen Mitte und
vernichtete alles auf ihrem Weg. Der ihm bekannten uralten Prophezeiung
nach sollte es einen Ausweg in ein anderes Universum geben. Aber
daran glaubte er nicht. Wo sollte sich dieses andere Universum denn
befinden? Es gab doch nur dieses eine! Nein, die Welle würde
es durchrollen und alles darin in seine Bestandteile zerlegen. Und
daraus würde sich letztendlich das Universum neu aufbauen.
Seiner Theorie nach war dies auch nicht die erste Implosion des
Universums, sondern eine von vielen. Aber egal ob er recht oder
unrecht hatte, die Welle erreichte nun seinen Materiebrocken und
er verschwand ohne einen weiteren Gedanken.
Sperrbereich
Schiff um Schiff, reihte sich in mehreren Reihen neben ihm auf.
Von seinem Laufgang aus betrachtete er sie sehr genau. Im Fall eines
Einsatzes mussten sie sofort einsatzbereit sein. Wobei dieser Fall
noch nie eingetreten war. Für ihn war es ein Job wieder jeder
andere auch. Einziger Unterschied zu fast allen anderen Jobs, er
war als Einziger im Inneren dieses Sperrbereiches unterwegs. Alle
anderen Verwalter hatten ihren Arbeitsplatz am Rande des Sperrbereiches.
Aber die sahen auch niemals dieser Schiffe. Sie wussten nicht einmal,
was sie verwalteten, den nur er selbst kannte den Inhalt des Sperrbereiches.
Der König selbst hatte ihn eingestellt und zur Verschwiegenheit
verpflichtet.
Die Schiffe ruhten, hier zwischen den Materiebrocken schon seit
unzähligen Perioden. Sie waren damit zwar recht alt, aber nur
selten hatte er ein Problem entdeckt. Er meldete diese Probleme
dann bei den anderen Verwaltern mittels einer speziellen Nummer.
Er konnte ja schlecht sagen, dass bei Schiff dreihundertsiebzehn
eine Planke fehlte. Damit wäre die Geheimhaltung ja nicht mehr
gewährleistet. Er gab beim Hinausgehen einfach ‹317-p7› an.
Und wenn er seine nächste Schicht antrat und alle Schiffe wieder
kontrollierte, war das Problem behoben. Es gab somit noch andere,
die Zugang zu diesem Sperrbereich hatte. Gesehen hatte er sie aber
noch nie. Eventuell, wenn er einmal ein so großes Problem
meldete, dass dessen Behebung mehrere seiner Schichten brauchte.
War noch nie vorgekommen, seitdem er hier seine Arbeit tat.
Einmal musste ein weiteres Schiff eingegliedert worden sein, denn
auf einem vorher freien Platz lag nun eines gut vertäut. Dabei
fragte er sich, wie ein neues Schiff in den Sperrbereich gebracht
wurde, wenn die Verwalter an den Außenbereichen dies nicht
mitbekommen sollten. Dies war aber nicht die einzige Frage, die
er sich immer wieder stellte. Wozu wurden diese Schiffe gebraucht?
Niemand wusste um ihre Existenz, außer dem König, einigen
Wenigen, die sie herbrachten und reparierten und ihm selbst, der
sie kontrollierte. Der einzige Grund, den er sich für die Existenz
dieser verborgenen Schiffe vorstellen konnte, war ein zukünftiger
Krieg. Aber mit welchen der beiden benachbarten Reiche sollte Krieg
geführt werden. Und vor allem warum? Das Reich Leo stand gut
da. Seine Tochter lebte mit einem Mineralienhändler zusammen
und so bekam er immer recht gute Informationen. Wenn es zu einem
Krieg kommen sollte, so würden es die Mineralienhändler
wohl als Erstes mitbekommen, denn sie durften als Einzige zwischen
den Reichen reisen. Sie waren lebensnotwendig denn sie versorgten
die Reiche mit allem, was fehlte. Und auf ihren Reisen in die benachbarten
Reiche brachten sie auch recht viel an Neuigkeiten mit. Von Problemen,
die auf einen zukünftigen Krieg hindeuten würden, hatte
seine Tochter nichts berichtet. Vielleicht gab es ja noch einen
anderen Grund für die Existenz dieser Schiffe. Wenn der König
schon die Existenz dieser Schiffe geheim hielt, so würde er
dies wohl auch, für einen möglichen Einsatz halten.
Er schob diese Überlegungen wieder zurück. Über eine
Wendeltreppe stieg er eine Schiffsebene höher und lief weiter
entlang der nächsten Reihe von Schiffen. ‹264-P82› notierte
er. Ein gebrochener Mast. Solch ein Problem hatte er nun zum ersten
Mal. Bis zum Ende seiner Schicht hatte er fünf Probleme gefunden.
Der innere Bereich
Spiralförmige Nebelfelder. Zuckende Blitze unbekannter Natur.
Aber keine Materiebrocken. So sah der innere Bereich des Universums
im Fernfeld aus. Und dies, seitdem er seinen Dienst hier an der
innersten Reichsgrenze angetreten hatte. Vor nun mehr elf Perioden.
Seitdem beobachtete er und notierte jegliche Veränderung. Und
davon gab es reichlich. Der gesamte innere Bereich war einer unaufhörlichen
Veränderung unterworfen. In regelmäßigen Abständen
schoss er eine Sonde hinein und beobachtete, wie es ihr erging.
Sie kamen unterschiedlich weit aber niemals so weit, dass er ihren
Untergang nicht mehr beobachten konnte. Und er erfasste in einer
großen Tabelle, wie es den Sonden erging, die vom inneren
Bereich als Fremdkörper erkannt wurden. Die meisten Sonden
verlor er durch die zuckenden Blitze. Wobei er deren Natur noch
nicht ergründen konnte. Er hatte mit verschiedenen Atomen und
auch Mineralien experimentiert aber nie hatte er solch einen Blitz
erzeugen können. Und auch diese spiralförmigen Nebelfelder.
Sie bewegten sich, und wenn eine Sonde in sie eindrang, löste
sie sich auf. Erst hatte er vermutet, dass sie einfach im Inneren
des Nebelfeldes verschwand. Spätere Versuche zeigten jedoch,
dass auch bei dünnen Ausläufern der Nebelfelder, die Sonde
nicht am anderen Ende wieder zum Vorschein kamen. Die Nebelfelder
lösten die Sonden einfach auf. Auch dafür konnte er keine
Ursache herausfinden. Er beobachtete nur und gab diese den Archivaren
des Reiches Taurus. Aber auch dort hatte man noch keine Ursachen
für die beobachteten Phänomene gefunden.
Ein leises Klicken machte ihn darauf aufmerksam dass sich ein benachbarter
Materiebrocken, dem seinen zu sehr näherte. Es kam hin und
wieder mal vor, das ein Materiebrocken den Gürtel der Wachschiffe
durchbrach und auf der inneren Seite in den inneren Bereich vordrang.
Aber wie die Sonden wurde er nicht weit von der Grenzschicht zerstört.
Dieser nun war jedoch von seinem Materiebrocken angezogen worden.
Damit es nicht zur Kollision kam, musste er ihn mittels einer Absorberstange
auf Abstand halten. Es dauerte etwas, bis er die magnetischen Kräfte
überwand, aber dann schwebte der Materiebrocken in den inneren
Bereich hinein. Er sprang zu ihm hinüber. Ohne Grund, denn
den hatte er nicht. Er war ein Archivar und wollte die Blitze und
seltsamen Nebelfelder von nahem sehen. Periodenlang hatte er sie
nur aus der Ferne ansehen können. Nun schwebte er langsam zwischen
ihnen. Sie waren wunderschön anzusehen, und als eines von ihnen
so nahe kam, dass es den Materiebrocken berührte, löste
der sich auf.
Städtebauer
Langsam aber stetig schob sich der Materiebrocken in die vorgesehene
Lücke hinein. Das Schiff krängte dabei ein wenig, denn
die magnetischen Kräfte lagen am oberen Limit. Es war auch
ein recht großer Materiebrocken. Er füllte die obere
Lücke, der neuen Stadt und die Schwierigkeit, ihn dorthin zu
bewegen bestand nicht direkt in seiner größeren magnetischen
Kraft, sondern eher am mangelnden Platz, so nahe am unteren Rand
des Universums. Sie wussten zwar, dass kein Materiebrocken jemals
den oberen oder unteren Rand des Universums berühren konnte,
aber, wenn der Materiebrocken einem Rand zu nahe kam, vergrößerte
sich der magnetische Widerstand immens. Sie mussten also immer darauf
Achten einen genügenden Abstand zu den Rändern einzuplanen.
Bei den meisten Städten, die sie bauten, war das auch kein
Problem. Kein Bewohner wollte so nah an einem Rand des Universums
wohnen. Archivare waren da anders. Sie konnten nicht nah genug herankommen.
Dies war auch das Problem, dem sie nun gegenüberstanden. Ihre
Auftraggeber waren die Archivare des Reiches Aquarius. Und sie wollten
eine Stadt nur für sich. Und da sie Archivare waren, hatten
sie sich zwei Scheiben aus Materiebrocken als Stadt ausgedacht,
die im Zentrum durch eine Kette von Materiebrocken verbunden waren.
Zudem mit einigen Verbindungsröhren. Die Schwierigkeit lag
in den beiden Scheiben aus Materiebrocken, die so dicht wie möglich
jeweils am jeweiligen Rand des Universums liegen sollten. Materiebrocken
wurden normalerweise von den Rändern des Universums abgestoßen.
Je Näher desto stärker. Die Städtebauer bauten deshalb
in die Materiebrocken weitere Eisenatome sowie spezielle Kombinationen
magnetischer Minerale ein. Letztendlich sorgten diese dann für
den nötigen magnetischen Gegendruck. Durch weitere zusätzliche
Verbindungsröhren, den den Archivaren allerdings nicht gefielen,
aber notwendig waren, verblieben die beiden Scheiben aus Materiebrocken
einigermaßen dicht an den Rändern des Universums. Als
die Städtebauer abzogen, hinterließen sie eine neue kleine
Stadt.
Experimentalist
Seit vielen Jahren schon wartete er auf den tiefen Ruf des Universums.
Als ehemaliger Archivar im Reich Cancer wusste er um die tieferen
Geheimnisse um den tiefen Ruf. Er kannte den Signalverlauf des tiefen
Rufs. Er hatte sich eingehend mit den Daten beschäftigt und
auch Methoden angewandt, die unter den Archivaren verboten waren.
Da er dem Fluid aufgeprägt war, musste er zwangsläufig
immer schon vorhanden gewesen sein. Die Fragen, die sich ihm gestellt
hatten, waren daher, ‹warum wurde er hörbar, wenn der äußerste
Rand des Universums berührt wurde?› und ‹wo hatte er seinen
Ursprung?› Er hatte auf seine erste Frage keine Antwort gefunden.
Aber er hatte eine Ahnung, wo der tiefe Ruf seinen Ursprung hatte.
Im Übergang des inneren Bereiches des Universums selbst.
Den Erkenntnissen der Archivare und auch der uralten Prophezeiung
nach, weil etwas den Rand des Universums berührte. Daher nahm
jeder Archivar auch automatisch an, dass er vom äußersten
Rand des Universums auch ausging. Ihn hatte aber schon immer auch
die Frage beschäftig, welcher Rand in der Prophezeiung eigentlich
gemeint war. Der Obere, der Untere oder wirklich der äußerste,
noch völlig unbekannte Rand, wie alle Annahmen? Auf diese letzte
Frage hatte er aber nur eine teilweise Antwort erhalten, als er
dieser Frage mittels seiner Apparate nachging. Was dann auch zu
seiner Verbannung geführt hatte. Es war nicht nur für
die Archivare undenkbar gewesen, den oberen oder unteren Rand des
Universums berühren zu wollen. Zu groß war die Angst
vor dem Untergang.
Von einem Turm aus den er sich vom Materiebrocken, in dem sich das
Observatorium der Archivare befand, baute, hatte er versucht, den
oberen Rand des Universums mittels selbstgebauter Apparate genauer
zu untersuchen. Ohne erfolg. Seine Apparate wurden durch einen Widerstand
abgehalten, der vom oberen Rand des Universums ausging. Sosehr er
auch versuchte, seine Apparate so nah wie nur irgend möglich
an den Rand zu bekommen, es gelang ihm nicht. Als er es dann beim
unteren Rand ebenso versuchen wollte, hatten ihn die Archivare ergriffen.
Ihn aber nicht an den König ausgeliefert, denn dann würden
sie ebenso dem Tod anheimfallen wie er selbst. Denn sie hatten,
indem sie es nicht verhindert hatten, ebenso gefehlt. Man hatte
ihn daher heimlich verbannt und das Wissen, das er errungen hatte,
behalten. Nun stand immerhin fest, dass es nicht die Berührung
des Oberen und wahrscheinlich auch nicht die des unteren Randes
des Universums war, die den Untergang einleiten würde. Es lag
also wirklich nur am äußersten Rand, der eine Reaktion
auf Berührung zeigen würde.
Und er hatte eine gewisse Ahnung warum und wieso das geschehen würde.
Die Aufprägung des Signalverlaufes ‹6-E-Q-U-J-5› des tiefen
Rufs im Fluid würde bei Berührung mit dem äußersten
Rand des Universums einen Kurzschluss, zwischen dem oberen und dem
unteren Rand des Universums bewirken. Der Signalverlauf im Fluid
würde sich kurzfristig verstärken und somit hörbar
werden. Der tiefe Ruf eben! Zugleich würde dieser Kurzschluss
aber auch eine immense Verstärkung der magnetischen Feldstärke,
die von den Rändern des Universums ausging, verursachen. Wodurch
die magnetischen Partikel im Fluid zusammengedrückt und damit
bewegt werden würden. Diese wiederum bildeten aber auch den
Anker für alle Materiebrocken im Universum. Wanderten nun diese
Anker aus magnetischen Partikeln, so würden sich auch alle
Materiebrocken mitbewegen. Da diese Welle der erhöhten Magnetfeldstärke,
vom äußersten Rand her, sich nach innen zum inneren Bereich
des Universums bewegen würde, konnte man von einer Implosion
sprechen. Alle Materiebrocken würden sich als gigantische Welle
nach innen bewegen. Und dabei eine homogene Masse aus zerriebenen
Gesteinspartikeln bilden, die alles vernichtete, was auf ihrem Weg
lag. Diese Welle konnte nicht verhindert werden, aber er man konnte
sie vielleicht nutzen.
Dazu hatte er sich weitab der königlichen Zitadelle, zum äußersten
Rand des Universums hin, auf einem Materiebrocken eingerichtet und
dort ein Forschungslabor eingerichtet. Anfangs hatte er daran gedacht,
ganz zum äußersten Rand des Universums zu reisen, um
dort sein Experiment abzuschließen. Aber dann wäre der
Weg, den er vorhatte zurückzulegen, zu groß und gefährlich
geworden. Die Wahrscheinlichkeit sein Vorgehen zu überleben
wäre äußerst gering geworden. Er wollte den Untergang,
sofern er sich zu seinen Lebzeiten ereignen sollte, ja überleben.
Und er wusste auch schon, wie er das anstellen konnte. Als dann
der tiefe Ruf ertönte, war er bereit zu dessen Entstehungsort
zu reisen.
Er stieg in seinen eigens konstruierten stromlinienförmigen
Wellenreiter und machte sich bereit. Starten brauchte er nicht,
denn dafür war der Wellenreiter nicht konstruiert worden. Die
Welle aus zerkleinerten Materiebrocken würde ihn einfach mitreißen
und mittels der außen angebrachten Längsrippen würde
sich der Wellenreiter inmitten der Welle in Strömungsrichtung
ausrichten und mitziehen lassen. Seinen Überlegungen nach würde
dies im hinteren Drittel der Welle geschehen. So würde er den
inneren Bereich des Universums erreichen und durchqueren können.
Letztendlich würde ihn die Welle, so direkt in den Übergang
bringen. Und da die Welle schneller war als jedes Schiff in den
zwölf Reichen, würde er letztendlich der Erste im Übergang
sein.
Dass die Welle seinen Materiebrocken erreichte, spürte er überdeutlich.
Sein Wellenreiter wurde plötzlich stark beschleunigt und nur
die weiche nachgiebige Umhüllung verhinderte, dass er einfach
an der hinteren Wand zerquetscht wurde. Nun lag alles nur noch an
der Konstruktion seines Wellenreiters. In der Außenhaut waren
unzählige Eisenmagnete zwischen einem Gitter aus Magnetit eingebaut,
die alle magnetischen Mineralien auf Abstand zum Wellenreiter halten
würden. So gedachte er den Wellenreiter, und somit auch sich
selbst, vor einem zerriebenwerden in der Welle bewahren zu können.
Als er einige Zeit später kaum noch ein Zunehmen der Geschwindigkeit
spüren konnte, atmete er auf. Sein Wellenreiter funktionierte
wie berechnet. Nur ein leises Schaben und Schleifen war zu hören.
Ansonsten war es totenstill im Inneren des Wellenreiters. Schaben
und schleifen? Er hatte die nichtmagnetischen Atome in den Materiebrocken
unberücksichtigt gelassen, wurde ihm plötzlich klar. Sie
kamen zwar nur in sehr geringen Mengen vor, aber diese würden
mit ausreichend Zeit dazu führen, dass die Außenhülle
des Wellenreiters aufgerieben wurde. Ihm wurde kalt vor Angst.
Konferenz der Könige
Es war Zeit. Der König schob den magnetischen Kristall in die
entsprechende Aushöhlung im Prisma. Vorher hatte er den Raum,
indem er die Konferenz der Könige abhalten würde, räumen
lassen. Die elf Spiegel hatte er selbst aufgestellt. Sie standen
in einem Kreis um das Prisma. Er selbst nahm den Platz des zwölften
Spiegels ein. Konferenzen zwischen den Königen der zwölf
reiche fanden des Öfteren statt. Aber noch nur einmal in der
Vergangenheit hatte es eine Konferenz aller zwölf Könige
gegeben. Der Grund lag in der zeitlichen Planung solch einer Konferenz.
Wie sollte man einen Zeitpunkt angeben, den alle Könige gleichzeitig
wahrnahmen. Es war schon schwierig genug, eine Konferenz mit zwei
oder drei Königen gleichzeitig abzuhalten. Diesmal allerdings
war es vorbestimmt. Jeder König eines Reiches kannte den Zeitpunkt
für solch eine Konferenz aller Könige der zwölf Reiche.
Exakt Einzwölftel einer Periode. Es war so weit. Der König
schob den magnetischen Kristall in die Aushöhlung im Prisma
und sofort kristallisierte sich ein Abbild von sieben Königen
in ihren zugehörigen Spiegeln. Nur wenig später waren
alle Könige abgebildet. Die Konferenz hatte begonnen.
Er sah von Abbild zu Abbild. Nickte bekannten Königen, mit
denen er schon Kontakt gehabt hatte, andere ihm noch Unbekannte,
beäugte er neugierig. So wie auch er von einigen gemustert
wurde. Nur die Könige der benachbarten Reiche Gemini und Pisces
kannte er. Die Könige der Reiche, Aquarius, Aries, Capricornus,
Virgo, Cancer, Leo, Taurus, Sagittarius und Scorpio waren ihm unbekannt.
Diese sah er nun zum ersten Mal. Ein König macht den Anfang.
«Der RUF des Universums ist erklungen, wie wir alle wissen»,
begann er die Konferenz. «Wir wissen alle, was es bedeutet.
Also warum diese Konferenz?»
«Aufgrund uralter Übereinkünfte», antwortete
ihn ein anderer König. «Aufgrund der Tatsache, dass ihr
nun hier seid, wisst ihr dieses auch.»
«Uns läuft buchstäblich die Zeit davon», wandte
ein weiterer König ein. «Laut Überlieferung soll
hier und jetzt der weitere Ablauf der Flucht aller Reiche koordiniert
werden.»
«Ha!», gab es einen lauten Einwand. «Es wird auf
ein Gemetzel hinauslaufen!»
«Um genau das zu verhindern, sind wir nun hier», wurde
dem König geantwortet.
«Ein Nichtangriffspakt?», wurde gefragt.
Es gab zustimmendes Gemurmel von vielen Königen.
«Es wird schwer werden, ihn einzuhalten», gab ein König
zu bedenken. «Nicht nur die königliche Flotte ist auf
der Flucht, sondern auch tausende von Schiffen. Bemannt mit Einzelnen
aus unseren Völkern.»
«Die Flotten unterliegen der königlichen Disziplin»,
gab ein König zu. «Unsere Völker jedoch nicht.»
«Die Schiffe der königlichen Flotten, sind die schnellsten
der Reiche», wurde eingebracht. «Aller Reiche! Es sollte
also kein Problem darstellen, da sich letztendlich nur die Flotten
gegenüberstehen werden.»
«Es wird einen Kampf geben», wurde leise gemunkelt.
«Zuletzt wird sich jedes Reich der Nächste sein. Ihr
kennt alle die dritte Zeile der Prophezeiung.»
«Soweit sollten wir noch nicht vordenken», wandte ein
König ein. «Lasst uns einen Nichtangriffspakt beschließen
und hoffen wir darauf, diesen so lange wie nur irgend möglich
einzuhalten.»
«Ich schlage zusätzlich vor,, dasjenige Reich kompromisslos
von allen anderen Flotten vernichten zu lassen, das als Erstes die
Kampfhandlungen beginnt», schlug ein König aus der Runde
vor.
«Ein guter Vorschlag», wurde von einigen Königen
geantwortet.
«Dann ist es beschlossen?», wurde gefragt. «Nichtangriffspakt
der Flotten sowie Vernichtung dessen, der zuerst Kampfhandlungen
beginnt?»
Von allen Königen gab es Zustimmung. Auch er selbst nickte
und gab sein «Ja» dazu. Die Abbilder in den Spiegeln
verschwanden. Nur der König des Reiches Virgo blieb im Spiegel
zurück. Fast genau gegenüber von seinem Standpunkt aus.
Er hatte noch nie einen Kontakt mit dem Reich Virgo gehabt. Es lag
dem seinen fast genau entgegengesetzt.
«Anfänglich wird man sich an das Abkommen halten»,
sagte er. «Zuletzt wird gekämpft werden. Gemäß
der dritten Zeile der Prophezeiung, die da heißt: Das schnellste
Reich sich retten kann.»
«Ich sehe das genauso», antwortete er ihm. «Hoffen
wir auf ein gutes Durchkommen, trotz aller vor uns liegenden Schwierigkeiten.»
Als auch der letzte König als Abbild aus dem Spiegel verschwand,
atmete der König des Reiches Libra tief durch. Während
das Fluid ihn durchströmte, wurde ihm bewusst, dass mehr als
nur schwierige Zeiten vor ihm lagen. Die nächsten vierzehn
Perioden ging es für jedes Reich rein um das Überleben.
Aufbruch
Noch schlaftrunken tastete er nach dem Knopf, um die Verdunklung
vor dem Fenster wieder aufzuheben. Ein tiefer Ton und damit einhergehend
ein starkes Vibrieren durchzog den Materiebrocken. Es machte sich
auch in seinem Magen bemerkbar. Er fühlte sich nicht wohl.
Nachdem sich die Verdunklung vor dem Fenster zurückgezogen
hatte, sah er unwillkürlich hinaus und erstarrte. Den Anblick
des Universums kannte er, es war nichts, das man jedes Mal neu betrachtete.
Es war einfach immer nur da. Nur diesmal gab einen Unterschied.
Er trat näher ans Fenster heran und sah zum oberen Rand des
Universums hinauf. Rund dreißig Meter über dem Materiebrocken
war das langsame bläuliche Wallen der oberen Universumsbegrenzung
durch extrem starke Turbulenzen in Aufruhr versetzt. Der tiefe Ruf!
Dies musste er sein, denn es gab nichts Vergleichbares. Der tiefe
Ruf war einmalig. Nun vernahm er auch aus anderen Fenstern verblüffte
Ausrufe der Bewohner dieses Materiebrockens und den Hinweis auf
die Prophezeiung. Er erinnerte sich an den Wortlaut der Prophezeiung.
Wird erreicht der Rand, der tiefe Ruf ertönt.
Frei der Bereich des Übergangs.
Das schnellste Reich sich retten kann.
Vor der Implosion in ein benachbartes Universum.
Wenn sie stimmte, und das nahm er bei diesem Ereignis an, musste
irgendwo in den Tiefen des Universums der seitliche Rand erreicht
worden sein. Und das, obwohl jedes Reich eine Expansion verboten
hatte. Eben um diesen seitlichen Rand niemals zu erreichen und damit
den Untergang einzuleiten. Denn die Prophezeiung beschrieb diesen
Untergang ohne jeden Zweifel. Sofort zog er seine Kleidung an, griff
sich seinen Rucksack und holte das Seil heraus. Dieses befestigte
er am Fenster und warf es nach unten. Es zählten vielleicht
nur Minuten um sich retten. Er seilte sich ab und erreichte so sein
Schiff. Dieses hatte er wie immer direkt unterhalb seiner jeweiligen
Wohnstätte geparkt. Eine Angewohnheit, die er von seinen Erzeugern
übernommen hatte. So war er immer schnell wieder unterwegs,
sollte es notwendig werden. Nun schien es sich auszuzahlen. Wenig
später steuerte er sein Schiff inwärts zum inneren Zentrumsbereich.Der
Prophezeiung nach war sie mit dem Ertönen des tiefen Rufs frei
zugänglich. Und nur dort würde es Rettung geben. Vorausgesetzt
sein Schiff war schnell genug und konnte inmitten aller anderen
Schiffe des Reiches Libra als Erstes den Übergang erreichen.
Wie er bei einem kurzen Rundblick erkennen konnte, waren bereits
einige Schiffe aus allen Reichen unterwegs zum Zentrumsbereich.
Wie er, hatten auch sie die letzten Monate lang, die Berichte aus
den Außenbereichen analysiert und erkannt, dass das Erreichen
des Randes des Universums nur noch eine Frage der Zeit war. Nun
war es eingetreten. Ein Schiff aus einem der zwölf Reiche hatte
sich so weit auswärts gewagt und den Rand des Universums berührt.
Dies schien ausreichend gewesen zu sein, um die Prophezeiung auszulösen.
Nun begann das Universum zu implodieren und die einzige Fluchtmöglichkeit
führte durch den Zentrumsbereich und den dort befindlichen
Übergang in ein anderes Universum. In der Ferne konnte er den
sogenannten blinden Fleck ausmachen. Genau dort lag das Zentrum
des Universums. Ein Bereich, den man nicht sehen konnte, wie sonst
alles im Universum. Nicht das man quer durch das ganze Universum
blicken konnte aber doch extrem weit. Nur eben der Zentrumsbereich
verweigerte sich. Wahrscheinlich aufgrund des Überganges, wie
immer der auch aussehen würde. Er hatte das Ziel es herauszufinden.
Er richtete die magnetische Ausrichtung seines Antriebes noch ein
wenig besser dem magnetischen Fluss des Fluids aus und gewann noch
ein wenig mehr an Geschwindigkeit. Würde es ausreichen?
Grenzübergang
Die Grenze zum inneren Bereich kam in Sichtweite. Hier nahe am inneren
Bereich gab es zahlreiche Materiebrocken. Sehr vielmehr als sonst
wo im Reich. Alle bewohnt oder mit Fabriken versehen. Zahlreiche
Brücken spannten sich zwischen ihnen. Der größte
Teil der Bevölkerung des Reiches Libra lebte hier. Dazu gab
es zwar eigentlich keine Notwendigkeit, aber jedem war die Prophezeiung
geläufig. Und diese hatte sich unauslöschlich tief ins
Bewusstsein eingegraben. Allerdings nur was das Wohnen am Rand zum
inneren Bereich betraf. Jetzt wo der Ruf durch das Universum hallte,
war jeder auf der Suche nach einem Schiff. Das jedoch hatten nicht
viele. Er hatte nun den Grenzbereich erreicht und hoffte unbeschadet
zwischen den Wachschiffen hindurchzukommen. Und zwar ohne aufgehalten
zu werden. Als die Wachschiffe vor ihm auftauchten, erkannte er
sofort, dass er sich vor ihnen nicht in acht nehmen brauchte. Sie
verharrten an Ort und Stelle. Als wenn sie abgeschaltet waren. Was
die zweite Zeile der Prophezeiung ja auch aussagte. Obwohl - die
Prophezeiung bezog sich ausschließlich auf den inneren Bereich
des Universums. Nicht auf den Grenzbereich davor. Er war sich deshalb
nicht sicher gewesen, ob das auch die automatischen Wachschiffe
betraf. Auch wenn diese vielfach so alt wie das Reich selbst waren.
Es gab unter ihnen auch Neubauten. Aber auch diese standen still.
Er huschte mit seinem Schiff in Höchstgeschwindigkeit durch
den Grenzbereich der Wachschiffe.
Erst jetzt wagte er es, den Blick auch nach hinten zu richten. Die
Wachschiffe, die ihm am nächsten waren, verharrten und beachteten
sein Schiff nicht. Hinter der Grenze türmte sich der Wall aus
Materiebrocken auf. Dort gab es Bewegung. Hauptsächlich auf
den Materiebrocken selbst. Nur wenige Schiffe folgten ihm. Seine
vorausschauende Lebensweise zahlte sich nun aus. Von klein auf hatten
seine Erzeuger darauf geachtet, dass er verstand, wie wichtig es
war, immer am Rand zum inneren Bereich zu verbleiben. Und das Schiff
der Familie ständig in Ordnung zu halten. Zuletzt hatte er
dies seinen Erzeugern noch einmal, in dessen Sterbeprozess versprechen
müssen. Er hatte sich daran gehalten. Diejenigen, die ihn bisher
immer verspottet hatten, bewegten sich nun panisch zwischen den
Materiebrocken auf der Suche nach einem Schiff. Ihnen konnte und
wollte er nicht helfen. Er wandte seinen Blick wieder voraus. In
Richtung Zentrum des Universums. Der blinde Fleck, der das Zentrum
des Universums bildete, war nicht zu sehen, denn es befanden sich
zahlreiche spiralförmig aussehende Nebelfelder in der direkten
Sichtlinie. Selbst mit dem Fernsehkristall, den er mittels einiger
Atome Fayalit verbessert hatte, konnte er nichts weiter erkennen.
Eine bessere Sicht damit hatte er jedoch in Richtung der Nachbarreiche
Pisces und Gemini. Dort waren bereits einige Schiffe mehr in den
inneren Bereich des Universums eingedrungen.
Schiffsflotten
Von seinem Schiff fehlte inzwischen der vordere Teil des linken
Auslegers. Er war zwar Vorsicht gewesen und den spiraligen Nebelfeldern
immer ausgewichen. Auch wenn er anfangs, um deren Gefährlichkeit
nichts wusste. Spätestens als er eine solche Wolke streifte,
erkannte er deren Gefährlichkeit. Auch die immer wieder auftretenden
Blitze schienen nicht ungefährlich zu sein. Sie spannten sich
blitzschnell zwischen den oberen und unteren Rand des Universums
und waren schon in der nächsten Sekunde wieder verschwunden.
Sie traten allerdings nicht oft auf. Jedoch die Nebelfelder schon.
Aber zwischen ihnen gab es sehr große Lücken, sodass
es eigentlich kein Problem darstellte, ihnen auszuweichen. Man musste
nur wach bleiben! Da er aber die komplette Besatzung seines Schiffes
darstellte, war das schwierig. Anfangs waren die Lücken zwischen
den Nebelfeldern noch groß genug, um auf dem stillstehende
Schiff einige Zeit zu schlafen. Die Lücken wurden nun jedoch
langsam immer kleiner. Und damit fehlte ihm immer mehr Schlaf. Er
brauchte eine Lösung für dieses immer größer
werdende Problem.
Ein weiteres Problem tauchte weit hinter ihm auf. Aus dem Reich
tauchten immer mehr Schiffe auf, die in den inneren Bereich des
Universums eindrangen. Wie auch er, hatten sie alle dasselbe Ziel.
Das Zentrum, in der sich der rettende Übergang befand. Der
Übergang, der dem schnellsten Reich in ein benachbartes Universum
brachte. Zumindest versprach es die Prophezeiung. So ganz konnte
er dem aber nicht glauben. Das Reich Libra verfügte seinen
Informationen nach über dreißigtausend Schiffe. Wahrscheinlich
eher mehr. Da sich vor ihm eine größere Lücke auftat,
widmete er sich neben der Steuerung des Schiffes seinem Experiment
mit dem Fernfeld. Um eine Chance zu haben, das Zentrum des Universums
vor allen anderen Schiffen zu erreichen, brauchte er eine gute Übersicht
über die Entwicklung. Er hatte ein Fernfeld so mit einem Partikelzähler
und Flussmesser, die er mit Atomen aus Hausmannit manipuliert hatte,
verbunden, dass es der Krümmung der Magnetfeldlinien um das
Zentrum herum folgte. Allerdings bei der noch zu großen Distanz
zum Zentrum nur zur Hälfte. Im Reich Virgo, das dem Reich Libra
fast entgegengesetzt lag, hatte er auf seinen Reisen durch die Reiche
einen Gleichgesinnten gefunden. Auch er hatte auf den Ruf gewartet
und war gewillt das Zentrum als Erster zu erreichen. Unter dem Pseudonym
‹Nordlichter› hatten sie ein Experiment begonnen, das sie nur zusammen
durchführen konnten. Und nun war es so weit. Er aktivierte
das modifizierte Fernfeld, so wie es weit entfernt sein Gleichgesinnter
tat. Knisternd baute sich eine magnetische Scheibe über dem
Fernfeld auf. Und tatsächlich, nicht nur seine Hälfte
war klar zu erkennen, sondern auch die andere. Sein Gleichgesinnter
hatte das Experiment ebenfalls aktiviert.
Auf der magnetischen Scheibe tauchten zahlreiche Punkte auf. Mittels
eines eingebauten Punktezählers sparte er sich das manuelle
Auslesen und ließ sich die Anzahl direkt als Zahl einblenden.
Was er sah, überraschte ihn. Er hatte mit vielen Schiffen gerechnet,
die aus allen Reichen aufbrachen. Aber nicht mit so vielen. Es waren
nicht tausende, wie er gedacht hatte, sondern Zehntausende. Aus
dem Reich Aquarius vierunddreißigtausend, achtundzwanzigtausend
aus dem Reich Pisces, sechsunddreißigtausend aus dem Reich
Libra, vierzigtausend aus dem Reich Gemini, siebenunddreißigtausend
aus dem Reich Scorpio. Mit zweiundvierzigtausend Schiffen bot das
Reich Sagittarius die größte Flotte auf. Die Reiche Taurus,
Cancer und Capricornus waren mit neunundzwanzigtausend Schiffen
zum Zentrum unterwegs. Achtunddreißigtausend aus dem Reich
Virgo und einunddreißigtausend aus dem Reich Aries. Vierhundertzehntausend
Schiffe hatten sich aufgemacht, das Zentrum des Universums zu erreichen.
Und nur ein Reich oder ein Schiff, würde es tatsächlich
durch den Übergang, in ein benachbartes Universum schaffen.
Scharmützel
Einige Perioden später hatte er sein Experiment nochmals verbessert.
Es hatte ihn etwas Zeit gekostet, war aber notwendig. Zeit war eigentlich
etwas, das er nicht verschleudern durfte. Er sah es jedoch als notwendig
an. Denn nur mit genauer Beobachtung konnte er in dem zukünftigen
Chaos, hoffentlich sein Ziel unbeschadet erreichen. Sein Schiff
war zwar schnell und auch eines der Ersten im Zentrumsbereich gewesen
aber es gab reichlich Schiffe, die sehr viel schneller als seines
waren. Hauptsächlich die Schiffe der königlichen Flotte.
Er hatte die magnetische Scheibe über dem Fernfeld, um mehr
als das Doppelte vergrößert. Ob sein Gleichgesinnter
im Reich Virgo ähnlich agierte, war ihm unbekannt. Dass er
jedoch bei diesem Experiment dabei war, war eine Tatsache. Denn
sonst würde er nur etwa die Hälfte des Zentrumsbereiches
des Universums auf der magnetischen Scheibe abgebildet bekommen.
Aber er sah den kompletten Zentrumsbereich. Das funktionierte leider
nur hier in der Nähe des Zentrums, denn er nutze die magnetischen
Feldlinien, die hier zum Zentrum hin sich um den inneren Kern herumzogen.
Zum Außenrand des Universums hin würde sich das abgebildete
Sichtfeld immer mehr verkleinern. Aber dorthin war er nicht unterwegs.
Was er sah, erschreckte ihn ein wenig. Seit Ewigkeiten kannte man
die Prophezeiung aber, soweit er das mitbekommen hatte, waren nur
wenige aus den Reichen vorbereitet gewesen. Aber so wie er es nun
mitbekam, stimmte das ganz und gar nicht. Zwölf riesige Armadas
von Schiffen waren unterwegs zum Zentrum des Universums. Wobei die
Reiche Cancer und Virgo schon am weitesten vorgedrungen waren. Das
Reich Libra und Aries waren weitabgeschlagen. In seinem Bauch bereitete
sich ein dumpfer Schmerz aus. Denn wenn er zurückblickte, sah
er bereits in der Ferne die königliche Flotte des Reiches Libra
herankommen. Mit bloßem Auge! Das bedeutete, dass seine Chancen
den Übergang im Zentrum des Universums rapide sanken. Sein
Schiff war nicht schnell genug. Die königliche Flotte näherte
sich recht schnell und schon bald brauste ein Flottenschiff an dem
seinen vorbei. Er schoss den vorbereiteten Magnethalter am Seil
ab und ließ sich vom Flottenschiff mitziehen. Dessen Besatzung
bekam das mit, unternahm aber nichts. Allerdings ließ man
ein Besatzungsmitglied an der Reling sein Schiff beobachten. Später
beobachtete er, das viele Flottenschiffe andere langsamere Schiffe
mit sich zogen. Der König hatte anscheinend die Absicht so
viele Schiffe wie möglich mit ins Zentrum zu nehmen. Da er
sich nun erst einmal nicht mehr um die Steuerung kümmern musste,
sah er sich die Armadda von Schiffen hinter sich genau an. Hin und
wieder begann ein Schiff zu brennen an. Viele Schiffe wurde Opfer
der Blitze. Noch viele mehr verschwanden in den Nebelfeldern und
tauchten nicht mehr auf. Die Verlustrate war sehr hoch. Was ihn
am meisten überraschte, waren jedoch vereinzelte Scharmützel
unter den Schiffen der Flotte. Schiffe wurden in Nebelfelder abgedrängt
oder es wurden ihre Antriebe zerstört. Hin und wieder wurde
ein Schiff von einem anderen übernommen und die Besatzung ins
Fluid geworfen.
Zersplitterung
Um ihn herum befand sich ein Chaos aus Schiffstrümmern und
Herumtreibenden. Vor Kurzem hatte er sich von dem seinen Schiff
ziehenden Flottenschiff getrennt. Es hatte sich im Laufe der letzten
Perioden immer weiter zurückfallen lassen. War dabei allerdings
immer noch schneller als viele andere Schiffe des Reiches Libra.
Das Flottenschiff folgte anscheinend dem Rotationszyklus der königlichen
Flotte. Die vorderen Flottenschiffe ließen sich seitlich zurückfallen,
um dann am Ende, durch die Mitte wieder nach vorne zu kommen. Wobei
das königliche Schiff gut geschützt in dieser Mitte verblieb.
Sein Schiff befand sich nun hinterem Ende, als er den magnetischen
Halter deaktivierte und einholte. Es machte für ihn keinen
Sinn mehr. Er brauchte dazu nur auf die magnetische Scheibe vor
ihn zu blicken. Das Reich Libra lag weit zurück gegenüber
allen anderen Reichen. Seitlich konnte er mittels der Fernsicht
bereits die Armada des benachbarten Reiches Pisces ausmachen. Sie
lag vor der ihren. Zur anderen Seite hin, konnte man die Armada
des Reiches Gemini nur auf der magnetischen Scheibe ausmachen. Sie
befand sich noch weiter in Richtung des Zentrums hin. Und noch sehr
viel näher zum Zentrum hin befand sich die Armada des Reiches
Cancer. Für sein Schiff uneinholbar. Er zitterte etwas vor
Frustration, denn seine Existenz würde nur noch zehn Perioden
andauern und dann enden.
Erst als ein magnetischer Anker sein Schiff an ein Benachbartes
fixierte, kam wieder etwas Leben in ihm zurück. Bevor er sich
bewusst wurde, was vorging, wurde er ebenfalls fixiert. Er war geentert
worden!
«Zu komplizierter Antrieb, um ihn selbst in Gang zu halten»,
hörte er einen der Piraten sprechen. «Wir brauchen ihn.»
Er wurde hochgezerrt und sah sich einem Piraten direkt gegenüber.
«Du wirst mein Schiff steuern», vernahm er und wurde
unter Bewachung zur Steuerung gebracht.
Währenddessen sahen sich die Piraten auf seinem Schiff um.
Erst als er den Befehl zum Weiterfahren missachtete, bekam er einen
harten Schlag in die Seite. Es tat höllisch weh und er befolgte
den erhaltenen Befehl und steuerte das Schiff der Piraten. Etwa
zwei Dutzend Schiffe hatten die Piraten geentert. Nach einer Periode
wurde ihm klar, was hier ablief. Die Piraten hatten schnell erkannt,
dass sie mit einzelnen Schiffen nicht weit kommen würden. Also
hatten sie vorbeikommende Schiffe geentert und fuhren nun als Gruppe.
Aber das half nur, bis sie auf eine andere Gruppe von Schiffen stießen.
Die Besatzungen ignorierten sich anfangs. Erst als einige Schiffe
der benachbarten Gruppe durch Blitze zerstört wurden, kippte
diese Ignoranz und machte einem kurzen und heftigen Kampf platz.
Zurück blieben viele zerstörte Schiffe. Darunter auch
sein Eigenes. Ein größerer Heckbereich blieb ihm von
seinem Schiff übrig. Zu seinem Glück bedingt steuerbar.
Da er immer noch mit der zuletzt erreichten Geschwindigkeit voran
fuhr, konnte er den spiraligen Nebelwolken ausweichen. Währenddessen
schoben sich tausende Schiffe des Reiches Libra an ihm vorbei. Dabei
beobachtete er wie das einst homogene Reich Libra in zahlreiche
kleine und große Gruppen zersplitterte. Die größte
Gruppe war noch immer die königliche Flotte. Diese befand sich
aber nur noch ein wenig vor den restlichen Schiffen des Reiches.
Sie war zurückgefallen.
Die Reiche zerfallen
Er hatte seine magnetische Scheibe im Kampf verloren. Entweder vernichtet
oder aber sie trudelte irgendwo durch das Fluid. Somit hatte er
den Überblick verloren den über Zentrumsbereich verloren.
Inzwischen waren er aber dem Zentrum des Universums so nahe gekommen,
dass die Flotten der zwölf Reiche in Sichtweite zueinander
kamen. Er konnte sogar schemenhaft die Flotte des Reiches Scorpio
in der Ferne erkennen. Sie schien fast auf gleicher Entfernung zum
Zentrum zu liegen. Die Flotte des Reiches Pisces lag hinter ihm
auf der anderen Seite des Schiffswracks. Alle anderen Flotten lagen
zu weit entfernt, um ohne Fernsicht wahrgenommen werden zu können.
Hin und wieder zog ein Schiff vorbei, aber sosehr er winkte und
um Mitnahme bat, man lies ihn zurück. Da er nicht der einzige
Schiffbrüchige war, konnte er dieses Verhalten überall
beobachten. Schiffbrüchige wurden zurückgelassen, da sich
jedes Schiff nur noch um sich selbst kümmerte. Im Laufe der
nächsten Perioden lösten sich nach und nach auch die Gruppen
auf. Das Reich Libra zerfiel und nur einzelne Schiffe mit deren
Besatzungen verblieben. Und er selbst auf seinem Wrackteil. Irgendwann
zog auch das letzte Schiff aus dem Reich Libra an ihm vorbei. Für
ihn war es aussichtslos geworden, überhaupt noch das Zentrum
des Universums zu erreichen. Und wenn ehrlich gegenüber sich
selbst blieb, so hatte er dies tief im Inneren auch schon seit Anbeginn
an gewusst.
Seine umgebaute Rennjacht hielt sich sehr gut im vorderen Feld des
Reiches Virgo. Nicht weit entfernt aber seitlich, zogen die letzten
Schiffe aus dem benachbarten Reich Cancer vor ihm her. Auf der magnetischen
Scheibe, eine Erfindung eines Gleichgesinnten aus dem Reich Libra
konnte er die Positionen der Schiffe aller Reiche sehr gut beobachten.
Er hatte ihn damals für einen Spinner gehalten, aber die Modifizierungen
an seinem Fernfeld dann doch durchgeführt. Man konnte ja nie
wissen. Es hatte sich ausgezahlt zu wissen, wo sich größere
Gruppen von Schiffen vor ihm aufhielten. Oder wo recht schnell Schiffe
verschwanden. Letzteres waren orte an denen viele Blitze auftauchten.
So konnte er sich den gefährlichen Stellen im Zentrumsbereich
entziehen. Während seiner Flucht hatte es sich plötzlich
um die Hälfte erweitert und ihm einen kompletten Blick auf
die Flotten der zwölf Reiche im Zentrumsbereich ermöglicht.
Bis es vor wenigen Augenblicken teilweise ausviel. Dem Anschein
nach war entweder bei seinem Gleichgesinnten die modifizierte Fernsicht
ausgefallen oder aber sein Schiff war vernichtet worden. Er verschob
einige Atome Augit an der Bordwand und gewann wieder eine Winzigkeit
mehr an Geschwindigkeit. In der letzten Periode hatten sich einige
Reiche schneller, anderer wiederum langsamer vorwärtsbewegt.
Zudem hatte er herausgefunden, dass sein Flussmesser, der die Stärke
des Magnetfeldes des Universums maß, schwankende Werte anzeigte.
Auch die Anzahl der magnetischen Partikel im Fluid hatte sich erhöht,
wie es ihm sein Partikelzähler zeigte. Der innere Zentrumsbereich
ändert sich zusehends. Das Reich Cancer lag noch immer an der
Spitze aller Flotten der zwölf Reiche. Die Flotten der Reiche
Aquarius und Pisces hatten ihre Positionen gewechselt. Aus irgendeinem
unbekannten Grund war das Reich Aquarius zurückgefallen. Zurückgefallen
war auch das Reich Libra, in dem sich sein Gleichgesinnter aufhielt.
Oder aufgehalten hatte.
Verschmelzung
Er sah keine Schiffe mehr. Weder hinter noch vor sich. Auch zu den
Seiten, obwohl man so nahe am Zentrum des Universums von Seiten
kaum noch sprechen konnte. Das Zentrum lag in Sichtweite der Fernsicht.
Ein merkwürdiger Ort. Dort gab es kaum noch diese gefährlichen
spiraligen Nebelfelder, dafür aber zahlreiche Blitze. Es wirkte
noch immer wie ein blinder Fleck aber doch konnte man mehr erkennen,
als wenn man noch weiter entfernt war. Es kräuselte sich dort
und er bekam das Gefühl, das sich das Universum dort nach oben
und unten hin erweiterte. Es lag noch nicht lange zurück, als
das unzählige Schiffe an seinem Wrackteil vorbeigekommen waren.
Keines hatte ihn aufgenommen. Er konnte es verstehen als er die
Zweikämpfe zwischen den Schiffen und auch auf den Schiffen
beobachten konnte. War die Flucht vor dem Untergang des Universums
zu beginn noch abstrakt und fern gewesen, so änderte es sich
immer mehr, je näher sie dem Zentrum des Universums kamen.
Zudem kamen nun auch die Schiffskämpfe zwischen den benachbarten
Reichen dazu. Das einst unbegrenzte Universum war klein geworden.
Er fragte sich, wie ein Reich mit seinen Schiffen den Übergang
schaffen wollte, wie es der dritte Satz ‹das schnellste Reich sich
retten kann› der Prophezeiung aussagte. War damit wirklich ein komplettes
Reich gemeint?
Hinter ihm baute sich eine Mauer aus Schiffen auf. Auch seitlich
vor ihm, zu seiner rechten, baute sich eine Wand aus Schiffen auf.
Das Reich Cancer lag dort mit all seinen Schiffen, vor dem Reich
Virgo. Aber er hoffte noch auf eine Rettung, denn ihm war der dritte
Satz der Prophezeiung in den Sinn gekommen, demnach sich das schnellste
Reich retten konnte. Er hatte sich überlegt, wie der Übergang
erkennen wollte, welches Schiff, zu welchem Reich gehörte?
Seine Rennjacht war schnell und er verbesserte sie ständig,
um noch schneller voranzukommen. Es würde nicht lange dauern
und er wäre inmitten der Flotte des Reiches Cancer. Da dieses,
laut seiner leider nur noch halb funktionierenden Magnetscheibe,
an vorderster Position lag, würde er sich retten können.
Seinen Überlegungen nach war er dann ein Bestandteil des führenden
Reiches und würde den Übergang in das benachbarte Universum
schaffen. So wie zu Beginn die zwölf Könige, als sie dieses
Universum erreichten, ihre jeweiligen Reiche aufgebaut hatten.
Implosionswelle
Er hatte geschlafen wie so oft in den vergangenen fünf Perioden
und wachte bei einem murmelnden Geräusch auf. Das war neu.
Er blickte sich um. Dann sah er, entgegengesetzt zum Zentrum, etwas
in der Ferne. Eine weitere Flotte von Schiffen? Nachzügler
des Reiches, die neue Schiffe gebaut oder versteckte gefunden hatten?
Nein. Dazu war die Wand, die er erkennen konnte zu homogen. Eine
lange Zeit verbrachte er vor dem Fernfeld und beobachtete die Wand.
Denn nichts anderes war es. Eine Wand aus den Bruchstücken
von Abermillionen von Materiebrocken. Er wusste sofort, um was es
sich handelte. Es war die Implosionswelle des Universums, die er
dort sah. Und sie näherte sich unaufhaltsam. Aber etwas war
seltsam an ihr. Ihre Bewegung war extrem langsam und das konnte
nicht sein. Sie sollte eigentlich irrsinnig schnell unterwegs sein.
Aber es schien ihm, als wenn sie gemächlich heranrollte. Irgendwann
brauchte er das Fernfeld nicht mehr. Die massiv wirkende Wand schob
sich unaufhaltsam auf ihn zu und erst jetzt begriff er, dass sie
dabei immer schneller wurde, je näher sie sich ihm und damit
auch dem Zentrum des Universums näherte. Sie unterlag anscheinend
einem Zeiteinfluss, der vom Zentrum ausging. Oder die Flotten der
zwölf Reiche unterlagen ihm, während die Implosionswelle,
dem nicht unterlag. Es war eigentlich auch völlig egal. Er
konnte nicht weg und die Implosionswelle näherte sich unaufhaltsam.
Wie eine Wand schob sie sich immer schneller auf ihn zu und dann
war es so weit. Sie erreichte das Wrackteil. Schob es anfangs, eine
Weile vor sich her und fraß dabei immer mehr vom ihm weg.
Er selbst hatte Zuflucht am anderen Ende des Wrackteils gesucht.
Diese Zuflucht wurde aber innerhalb weniger Sekunden von der Welle
aus zerkleinerten Materiebrocken verschluckt. Und er mit ihr. Sein
Rennen war zu Ende.
***
Die Darstellung
auf der magnetischen Scheibe über dem Fernfeld hatte sich wieder
verändert. Konnte er anfangs noch alle zwölf Reiche übersehen,
so hatte es sich vor einigen Tagen ausgehend vom Reich Virgo auf
nur sechs Reiche reduziert. Cancer, Leo und Taurus zur Rechten sowie
Capricornus, Aries und Aquarius zur Linken. Nun reduzierte sich
die Übersicht abermals. Aber nicht in der Form, dass Reiche
verschwanden, sondern die Darstellung reduzierte sich aus den ehemaligen
Reichen kommend. Zuerst dachte er, die Scheibe verkleinerte sich
aber es war nicht die Scheibe, die sich verkleinerte, sondern das
Universum. Was er beobachten konnte, war die Implosionswelle, die
sich nun in den inneren Bereich des Universums hineinschob. Nun
wo er das finale Ende des Universums sich nähern sah, wurde
ihm etwas anders. Bisher war es nur eine Prophezeiung, eine Flucht
auf einer Rennjacht gewesen nun aber optisch erkennbar. Er richtete
ein Fernfeld rückwärts, konnte aber aufgrund der zahlreichen
Schiffe nichts erkennen. Aber nicht mehr weit entfernt von den letzten
Schiffen schob sich unaufhaltsam die Implosionswelle immer näher
heran. Dies bedeutete aber auch, das es die zwölf Reiche, wie
er sie kannte, nicht mehr gab. Er hatte mit seinem Schiff inzwischen
die Flotte des Reiches Cancer erreicht. Hin und wieder wurde er
mit magnetischen Haltern beschossen aber er hatte um sein Schiff
herum, ein antimagnetisches Feld aufgebaut. Schwach zwar nur aber
ausreichend für diese Art von Angriffen. Er hatte noch etwa
vier Perioden Zeit um sich näher an das vordere Ende der Flotte
vorzuarbeiten.
Blitzinferno
Die Flotten der Reiche Cancer und Virgo, sowie wahrscheinlich auch
vieler weiterer Reiche, waren nun nicht mehr auseinanderzuhalten.
Damit war seine Annahme, wie sie die dritte Zeile der Prophezeiung
versprach, ‹das schnellste Reich sich retten kann›, nicht weiter
haltbar. Wo begann und wo endete denn nun ein Reich? Das schnellste
Reich hieß es, würde den Übergang durchqueren können.
Als Schiff des Reiches Virgo war er nun inmitten der Schiffe aus
dem Reich Cancer. Gehörte er damit, aus Sicht der Prophezeiung,
auch zum Reich Cancer? Ihm kamen immer mehr Zweifel daran. Ihm wurde
klar, dass anscheinend doch nur die schnellsten und damit ersten
Schiffe den Übergang durchqueren konnten, bevor die Implosionswelle
sie einholte. Seine Rennjacht musste also noch schneller werden.
Er sichtete die Gruppierungen, seiner zusätzlichen magnetischen
Atome im Rumpf der Rennjacht. Aber die waren bereits optimal angeordnet.
Schneller als derzeit würde er seine Rennjacht nicht bekommen.
Ihm blieb nur die Hoffnung auf Fehler der vor ihm befindlichen Schiffe
oder auf die Naturgewalten hier im inneren Zentrumsbereich des Universums.
Die spiraligen Nebelwolken gab es allerdings kaum noch. Hauptsächlich
nur noch die Blitze. Und Letztere begannen nun, sehr viel häufiger
aufzutauchen. Wobei sie jedes Mal ein Schiff vernichteten.
Es wurde blitzartig immer heller vor ihm. Erst sah er es nur vereinzelt,
dann aber immer Häufiger. Die Blitze nahmen nicht nur an Intensität,
sondern auch an Häufigkeit zu. Und die Flotten wurden immer
mehr reduziert. Wodurch aber auch das Problem der Trümmerteile
auftauchte. Diese wurden schlagartig immer mehr. War es schon schwierig
gewesen den Schiffen auszuweichen, so wurde es bei den immer mehr
werdenden Trümmern fast aussichtslos. Den kleinen Trümmern
wich er schon gar nicht mehr aus und den Größeren, so
gut er es konnte. Die Blitze schlugen nun auch neben seiner Rennjacht
ein. Wenig später befand er sich inmitten eines Infernos von
Blitzen. Sein Schiff wurde aber nicht getroffen, bis dann ein Blitz
in das genau vor ihm befindliche Schiff einschlug. Zum Ausweichen
blieb keine Möglichkeit mehr. Seine Rennjacht krachte genau
auf das eben vom Blitz getroffene Schiff auf. Da er es hatte kommen
sehen, war er vor dem Aufprall in seiner kleinen, als Schutzraum
umgebauten Kabine, verschwunden. Durch die verglaste Eingangsöffnung
musste er nun mit ansehen, wie sein Schiff auseinanderbrach. Aber
damit nicht genug. Drei Zyklen des Ausharrens später sah er
die Implosionswelle von hinten auf sich zukommen. Die Kabine hielt
dem ersten Ansturm, der Unmengen an kleinen Partikeln der in der
Explosionswelle zerriebenen Materiebrocken stand. Der Rest seiner
Rennjacht jedoch nicht. Als dann auch seine kleine Kabine begann
sich aufzulösen, sah er einen länglichen stromlinienförmigen
Schatten, inmitten der Implosionswelle vorbeirasen. Was war das
denn? Eine Antwort fand er nicht mehr, denn nun wurde auch die kleine
Kabine mitsamt Inhalt von der Implosionswelle zerrieben.
***
Die einzelnen Flotten der
zwölf Reiche bildeten inzwischen eine einzige Flotte von unzähligen
Schiffen. Auch wenn schon viele zerstört waren, so blieben
noch ausreichend übrig, um das Universum vom oberen bis zum
unteren Rand auszufüllen. Und auch den Raum seitlich in beide
Richtungen komplett auszufüllen. Von den ehemaligen Reichen
existierten nun noch die Namen. Für die Besatzungen auf den
Schiffen inzwischen bedeutungslos geworden. Sie kämpften um
die vordersten Plätze und um ihre Existenz. Denn die Implosionswelle
begann nun die letzten Schiffe zu überrollen. Unaufhaltsam
und unerbittlich. Das gesamte flache, scheibenförmige Universum
hinter der Explosionswelle war inzwischen ein Gemenge von kleinen
und kleinsten Materiebrocken. Nichts anderes existierte dort mehr
im Fluid. Auch keine magnetischen Partikel mehr. Sie alle waren
zum Zentrum hin geschoben worden. Im Zentrum des Universums begannen
sich daher langsam und stetig, die magnetischen Partikel im Fluid
zu verdichten. Im innersten Kern bildeten sie bereits einen festen
Körper, zwei Perioden, bevor die ersten Schiffe ihn erreichen
würden. Nachdrängende magnetische Partikel verdichteten
ihn immer mehr, bis das Universum diesem punktuellen Druck nicht
mehr standhalten konnte. Eine Öffnung ins übergeordnete
Universum bildete sich aus. Fluid sowie magnetische Partikel flossen
ab und reduzierten den immensen Druck. Dabei zog dieser Ausfluss
nachfolgendes Fluid ab. Die vordersten Schiffe wurden so aus dem
ringförmigen Inferno der Blitze herausgesogen und unaufhaltsam
auf den Übergang ins übergeordnete Universum hin gesogen.
Alle nachfolgenden Schiffe zerbarsten im Inferno der Blitze und
wurden von der nachfolgenden Implosionswelle zerrieben. Nur die
schnellsten Schiffe erreichten den Übergang.
Übergang
Er war im Laufe der vergangenen Perioden der Panik immer näher
gekommen. Das Schaben und Schleifen von der Hülle des Wellenreiters
zerrte an seinen Nerven. Es zerrieb seinen Wellenreiter aber anscheinend
doch langsamer als anfangs vermutet. Die Hülle war, nach vierzehn
Perioden, noch immer unversehrt. Als er dann aber einen plötzlichen
Schub spürte, wurde er nervös. Als Archivar des ehemaligen
Reiches Cancer wusste er um die physikalischen Grundlagen des Universums.
Solch ein unerwarteter Schub konnte es nicht geben. Es sei denn
...? Ihm wurde klar, das er die genauen physikalischen Gegebenheiten
des Übergangs nicht genau kennen konnte. Es war aber sehr wahrscheinlich,
das sich der Übergang geöffnet hatte und es dadurch zu
einem schnelleren Fluss im Fluid gekommen war. Denn die abfließende
Masse des Fluids zog ja unweigerlich Fluid nach. Daher der Schub.
Dies bedeutete aber auch, dass er dem Übergang schon sehr nahe
sein musste. Der Wellenreiter begann zu vibrieren, behielt aber
anscheinend seine Richtung bei. Er fand es nun bedauerlich, das
er kein Fernfeld oder wenigstens eine Durchsicht im Wellengleiter
eingebaut hatte. So konnte er die Geschehnisse nun nicht mitverfolgen.
Nur deren Auswirkungen. Und die wurden immer schlimmer. Er wurde
hin und hergeworfen. Nun hörte er auch Aufschläge auf
die Hülle. Das Gemenge aus zerriebenen Materiebrocken in der
Implosionswelle veränderte sich. Die Bestandteile wurden größer.
Er vermutete sofort zerstörte Schiffe der zwölf Reiche.
Er kannte sonst keine größeren Bestandteile im inneren
Bereich des Universums, denn Materiebrocken gab es darin nicht.
Es konnten also nur Schiffe aus den zwölf Reichen sein oder
etwas gänzlich unbekanntes. Plötzlich wurde es still und
er schwebte in seinem Sitz. Nur gehalten von den Gurten. Dann kehrte
die Andruckkraft zurück aber entgegengesetzt zu der Richtung,
in der er sie die letzten Perioden gespürt hatte. Gleichzeitig
begann die Hülle des Wellengleiters, an zu glimmen. Immer Heller
und Heller. Bis er vor Helligkeit kaum noch etwas sehen konnte.
Der Wellengleiter verschwand aufgelöst in den unbegreiflichen
physikalischen Gegebenheiten des Überganges. Einzig eine Art
Membran näherte sich ihm. Er durchstieß die Membran ohne,
dass er es verhindern konnte. Dann wurde es schlagartig dunkel um
ihn herum.
Das andere Universum
Er konnte nicht begreifen, was er vor sich sah. Ein Universum ohne
Begrenzungen. Eine unbegrenzte Höhe, Tiefe und Weite, angefüllt
mit seltsamen bunten Punkten. Ein Meer an kleinen Farbpunkten, die
trotz ihrer Helligkeit das Dunkel nicht vertreiben konnte. Und es
war still. Kein permanentes Murmeln war zu hören. So sah also
das benachbarte Universum aus, dachte ‹mikeej42› aus dem Reich Cancer.
Hinter ihm durchdrangen Schiffe aus dem Reich Cancer die Membran
und lösten sich, im Gegensatz zu ihm, sofort auf und flogen
als bunte Punkte in die Tiefe des neuen Universums. Das Meer an
bunten Punkten wurde vielfältiger. Die Prophezeiung hatte sich
erfüllt. Mit einem wohligen Gefühl begann nun auch er,
sich in diesem neuen Universum aufzulösen. Es überwältige
ihn dermaßen, das ihm als Letztes ein unwillkürlicher
Laut entfuhr.
«Wow!»
Dessen akustische Welle verursachte in der Membran hinter ihm, eine
Schwingung mit genau dem Signalverlauf ‹6-E-Q-U-J-5› im Fluid des
implodierten Universums. Dort prägte sie sich langsam und unaufhaltsam
im Fluid ein. Ein permanentes Summen dieser Schwingung durchzog
den inneren Bereich des flachen Universums und reduzierte die magnetische
Feldstärke wieder auf ein normales Maß. Das flache und
scheibenförmige Universum begann einen neuen Zyklus.
Ende