Farnard 12

Alien Teil 1

 

Ein Roman von Andreas Blome

Der Truppentransporter schüttelte sich heftig in der turbulenten Atmosphäre des Planeten. Die Gurte die mich im Sitz festhielten preßten sich schmerzhaft in den Körper. Aber ich zeigte keine Reaktion. Auch keiner anderer aus meiner Kampfgruppe zeigte wie schmerzhaft diese Landung war. Wir waren zu gut ausgebildet worden um uns mit solchen Nebensächlichkeiten wie schmerzen abzugeben. Die Aufgabe die wir zu erfüllen hatten war schon schwierig genug. Ich warf einen Blick auf den Höhenmesser. 434 Meter noch bis zum Boden.

#Bereitmachen.# Informierte uns der Gruppenführer kurz dem Aufsetzen. #Waffencheck durchführen.#

Routinemäßig prüfte ich meine Waffe, während meine Gedanken bereits bei der bevorstehenden Landung waren. Ein 20 Millimeter Granatwerfer mit aufgesetzten Ultraviolettziellaser. Gewicht genau 23,735 Kilogramm. Sie verschoß pro halbe Sekunde eine Granate. Im ganzen 3600 Stück. Jeweils eine Granate wurde in der Waffe selbst gelagert. Neun weitere befanden sich in der flexiblen Schlauchverbindung die sich vom Tornister auf dem Rücken zur Waffe hinzog. Die restliche Munition wurde im Tornister selbst gelagert. Durch die flexible Schlauchverbindung wurde die Waffe permanent mit Granaten versorgt. Bei Dauerbetrieb konnte ich damit dreißig Minuten lang feuern. Die maximale Reichweite lag bei einhundertvierzig Metern. Allerdings gingen bei dieser Reichweite nicht alle Granaten ins Ziel. Die Kampfreichweite, wie wir sie nannten, lag zwischen achtzig und einhundert Metern. Nur innerhalb dieser Entfernung riefen die Granaten die optimale Wirkung hervor. Alles in allen eine furchtbare Waffe.

Nacheinander meldeten wir uns Kampfbereit. Das Rütteln des Truppentransporters hatte inzwischen aufgehört. Anscheinend befanden wir uns bereits zwischen den zahlreichen Hügelketten des Planeten. So knapp über der Oberfläche des Planeten reichten die Stürme die den Planeten permanent umhüllten nicht herab. Nur noch wenige Sekunden und der Kampfeinsatz begann .Zum Nachdenken blieb dann keine Zeit mehr. Dazu war der Feind zu gnadenlos.

#Die Windgeschwindigkeit beträgt am Boden sechsundzwanzig Km/h. Temperatur elf Grad. Regenwetter. Die Sicht beträgt weniger als einhundertzwanzig Meter.# Informierte uns der Gruppenführer.

Wie meine Kameraden machte ich mich zum Aussteigen aus dem Truppentransporter bereit. Dabei ging ich die Informationen vom Gruppenführer durch. Ein kräftiger und kalter Wind erwartete uns also. Dazu Regen, der die Sichtweite auch nicht gerade erweiterte. Aber solche Bedingungen waren auf Farnard 12 noch gutes Wetter.

Es war mein zweiter Einsatz den ich unter dem neuen Gruppenführer mitmachte. Das erste mal, auf Taurus III in den dortigen weiträumigen Höhlensystemen, hatte er sich sehr gut gehalten. Man konnte ihm vertrauen, denn er kümmerte sich um seine Männer. In ausweglosen Situationen gab er klare Anweisungen. Trotzdem war die Hälfte unserer damaligen Kampfgruppe nicht mehr zurückgekehrt. Wer von uns würde diesmal nicht zurückkehren? Diese Gedanken flogen mir augenblicklich aus dem Kopf als unser Gruppenführer den Einsatzbefehl gab.

#Einsatz.#

Die Schleusentür des Truppentransporters war noch nicht einmal zur hälfte aufgefahren, als der erste von uns bereits mit einem Sprung draußen war. Innerhalb von Sekunden leerte sich der Transporter. Auch ich war schneller Draußen als ich Amen sagen konnte. Monatelanger Drill ließ uns reagieren bevor wir darüber nachdachten.

Hinter einem kleinen Erdwall nahmen wir Stellung. Ringsum lagen meine Kameraden am Boden, die Waffe aktiviert und im Anschlag. Hinter mir erhob sich währenddessen der jetzt leere Truppentransporter mit kreischenden Triebwerk in den oberen Bereich der Atmosphäre zurück. Auf dem Boden gab es keinerlei Abdrücke vom Transporter zu sehen. Selbst als wir ausgestiegen waren hatte er keinerlei Bodenkontakt gehabt. Während wir eine erste Kampfstellung einnahmen raste der Transporter in eine Warteposition innerhalb der oberen Atmosphäre hinauf. Hoffentlich ohne das es dem Feind gelungen war sich in ihm einzuschleichen. Aber dazu war die Landezeit zu kurz und der Feind wußte ja nicht wo und wann wir abgesetzt wurden.

#Gruppe 1. Auf das Ziel vorrücken.#

Damit waren meine vier Kameraden und ich gemeint. Mit ihnen lief ich durch knietiefen Schlamm und Dreck auf unser Ziel zu. Es war im Regen und Dunst der hiesigen Atmosphäre von Farnard 12 kaum zu sehen. Nach vierzig Metern verschanzten wir uns im Boden. Die Kampfkleidung die wir trugen sollte eigentlich wasserabweisend sein aber davon merkte ich nicht viel. Sie triefte nur so von Nässe und Schmutz. Und ersteres nicht nur von Außen.

#Gruppe 2. Vorrücken.#

Noch war nichts vom Feind zu sehen. Aber wir kannten ihn inzwischen etwas besser als zu dem Zeitpunkt, als er aus einem Labor der Erde ausgebrochen war und nach und nach jedes Leben vernichtete. An diese Ereignisse dachte niemand gerne zurück. Die großen Konzerne die alles verursacht hatten, existierten heute nicht mehr. Die Menschheit hatte ihren Hochmut, alles über das unbekannte Wesen erfahren zu wollen, mit unzähligen Toten und dem Verlust der Erde bezahlt. Heute lebten auf über einhundert Planeten im Universum verstreut nur noch ein kläglicher Rest von Menschen. Beständig bedroht vom Feind, der unaufhaltsam näher kam.

Er griff mit Vorliebe aus dem Hinterhalt an. Und meistens immer von oben. Bisher war noch niemals ein Angriff im freien Gelände passiert. Aber ein erstes mal war damit natürlich nicht ausgeschlossen. Wir kamen indes unserem Ziel immer näher. Jede vorrückende Gruppe wurde dabei von den anderen gedeckt. Schließlich stand ich mit meiner Gruppe an der Stahlwand der Fabrik in der sich der Feind befinden sollte wie uns die Spähergruppen mitgeteilt hatten.

Diese Spähergruppen bestanden aus kleinen Einheiten die vor den Kampfgruppen das Terrain sondierten und die Nester der Feinde ausfindig machten. Sie hatten zwar auch Kampferfahrung, sollten ihm aber wenn es irgend möglich war aus dem Weg gehen. Trotzdem ließen sich hohe Verluste unter den Spähergruppen nicht vermeiden. Nur jede dritte kehrte wieder zurück. Und oft nicht einmal mehr vollständig. Von einer dieser Spähergruppen hatten wir die Information bekommen das sich in dieser Fabrik ein Nest des Feindes befinden sollte. Wir waren nun hier um es auszuräuchern.

#Gruppe 1 und 2. Sichern der Ausgänge. Alle anderen Gruppen dringen in die Fabrik vor.#

Ohne auch nur etwas Zeit zu verlieren nahm ich mit meiner Kampfgruppe Aufstellung vor einem der Eingänge zur Fabrik. Ein Kamerad aus einer anderen Gruppe betätigte den Öffnungsschalter. Mit einem widerlichen Knirschen öffnete sich die massive Stahltür. Kaum hatte sie genügend Platz zum Eindringen freigemacht, waren auch schon zwei Kameraden hindurch. Ich spitzte die Ohren. Noch war keine Waffe ausgelöst worden. Das zeigte die eiserne Disziplin unserer Kampftruppe an. Unsere Nervenstärke war immens. Ob sie sich im direkten Kampf halten würde war ungewiss. Minuten später war es auch für uns soweit.

#Gruppe 1 und 2 folgen.#

Mit schußbereiter Waffe drang ich in den dunklen Gang hinter dem Tor ein. Irgendwo vor, über oder unter uns war der Feind. Meine Sinne waren bis zum äußersten gespannt. Jedes kleinste Geräusch oder auch nur ein Luftzug konnte vom Feind verursacht worden sein. Aber auf den ersten hundert Metern griff er nicht an. Stattdessen sahen wir die Schäden die er bei seinem Einfall in diese Fabrik hinterlassen hatte. Löcher in Decken, Wänden und im Boden. Scharfkantige Löcher, die wie Explosionslöcher aussahen. Dort waren die Feinde eingedrungen. Da sie über eine kaum vorstellbare Säure verfügten, brauchten sie sich nicht durch Türen oder ähnliches aufhalten zu lassen. Sie ätzten sich einfach hindurch.

#Ebene 1 der Fabrik ist sauber.# Wurden wir Informiert. #Gruppe 3 und 4 durchkämmen Ebene 2, Gruppe 1 und 2 dringen in die Ebene 3 vor.#

Als wir den Notruf erhalten hatten, lebte noch etwa die Hälfte der hiesigen Bevölkerung. Von ihr hatte wir auch den Ort des Nestes bekommen. Die Spähergruppen brauchten es nur noch zu bestätigen. Als wir dann in den Orbit um diese Welt einschwenkten, gab es kein menschliches Leben mehr auf dieser Welt. Zumindest nicht mehr in Freiheit. Nur noch den Feind.

Nach und nach patrollierten wir durch die Gänge und inspizierten die Labors und zahlreichen Räume. Immer wieder wurden wir vom Gruppenführer auf dem aktuellen Stand gehalten. Information war ein wichtiges Kriterium gegen diesen Feind. Meine Gruppe inspizierte immer noch Ebene 3, während alle anderen Gruppen bereits in den höheren Ebenen unterwegs waren. Bis jetzt waren wir noch nicht auf den Feind gestoßen.

Plötzlich war weit vor mir Granatfeuer zu hören. Eine der Gruppen war auf den Feind gestoßen. Gleich darauf war es auch im Ohrknopf zu hören.

#Feindkontakt. Ebene 4. Südbereich.#

Das war nicht weit von unserem jetzigen Standort. Ich kannte den Plan dieser Fabrik auswendig aber mir genügte das Schild an der Tür vor mir.

<Biolabor 2-Süd. Ebene 3.>

Der Feind war eine genau über uns. Uns trennte nur die Decke des Ganges von ihm. Aufmerksam beobachtete ich die Decke und vernachlässigte notgedrungen das Geschehen vor mir. Meine Gruppe bezahlte diese Nachlässigkeit sehr teuer.

Neben mir feuerte ein Kamerad seine Waffe ab. Die Granaten jagten genau durch die Tür vor uns. Ich sah nur den bekannten Schatten des Feindes als meine Waffe ebenfalls feuerte. Ich hatte kaum Zeit die Meldung 'Feindkontakt. Biolabor 2-Süd. Ebene 3' durch das Mikro zu geben als der Feind bereits durch die Tür kam. Sie mußten zu mehreren Angegriffen haben, denn die ersten waren im Granatenhagel regelrecht zerfetzt worden. Aber diese Biester waren sehr schwer zu töten. Das erste Alien bog nach links ab. Eine Granate riß ihm dabei den halben Schwanz ab. Dann mußte ich nach rechts ausweichen als ein weiteres Alien im Todeskampf gegen mich stieß.

In den nächsten Sekunden vergaß ich alles was ich bisher gelernt hatte. Die Panik erfaßte mich angesichts der Alien's. Ich feuerte auf alles was graubraun und Alienmäßig aussah. Unsere Ausbilder hatten solche Panikreaktionen vorausgesehen und die Kampfanzüge mit Phosporierender Farbe gekennzeichnet. Durch die Kampfbrille waren meine Kameraden sehr gut zu sehen. Aber auch ihr sterben sah ich so sehr deutlich.

Durch die Tür waren drei Alien's lebend durchgebrochen. Nur einen hatte ich verwunden können. Aber diese Wunde minderte die Kampfkraft des Feindes um keinen Deut. Bill wurde durch seine eigene Waffe in zwei Teile zerrissen als er eines der Alien's mit einem Granathagel eindeckte und es zum platzen brachte. Die aus dem Alien spritzende Säure überschütte ihn und ließ den Tornister explodieren als sich die Säure in eine Granate fraß.

John und Miril wurde ganz einfach der Kopf abgerissen. Allerdings hatte das auch den Tod der Alien's zur folge. In unserer Kampfkleidung waren nämlich sogenannte Sprengfäden eingenäht. Sie lösten Sprengsätze im Tornister aus. Ich konnte sehen wie zwei gluthelle Feuerbälle meine Kameraden und ihre Angreifer verschlangen. Allerdings sah ich dann auch das verbleibende Alien.

Es kam mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit durch den Gang auf mich zugerast. Es erreichte mich zum Glück nur in Einzelteilen. Es löste sich im Granatenfeuer auf. Meine verbleibende Gruppe bestand nach diesem ersten Aufeinandertreffen nur noch aus zwei Personen. Ich gab dies unserem Gruppenführer über das Mikro durch.

#Gruppe 1. Rückzug. Mission wurde erfüllt.# Bekam ich als Antwort.

Trotz der Tatsache, das vor meinen Augen drei Kameraden gestorben waren versetzte mich der letzte Satz des Gruppenführers in Freudenstimmung. Irgendeine Gruppe hatte die Brutkammer erreicht und die Königin sowie alle Eier vernichtet. Jetzt blieben nur noch die Krieger übrig. Aber da sie auf dieser Welt steril blieben, verursacht durch die harte Strahlung der Sonne, waren sie nur noch eine kleinere Gefahr. Trotzdem mußten wir höllisch auf der Hut sein. Selbst wenn nur ein Krieger übrig blieb, war er eine nicht zu überschätzende Gefahr. Er konnte zwar keine Nachkommen mehr fabrizieren aber er selbst war ein aufs töten eingestelltes Lebewesen. Aber damit konnten sich dann die normalen Kampfgruppen herumplagen.

Das Ausgangstor war bereits in Sichtweite als neben mir eine Alienkralle durch halbdurchsichtiges Plastikfenster fetzte. Nur durch Zufall entging ich ihrem Griff. Aber es kostete mich ein stück Fleisch vom Arm. Von den Schmerzen spürte ich noch nichts, das würde erst viel später ein Problem werden. Das hieß, wenn ich hier jetzt lebend herauskam. Mein Kamerad war nur wenige Meter hinter mir als das Alien vollends durch das Fenster brach. Ich war damit der einzige der ein freies Schußfeld hatte. Aber auf diese kurze Entfernung konnte ich durchaus selbst bei der Explosion der Granaten mit draufgehen. Genau das war ja auch Bill passiert. Aber ich hatte kaum eine andere Wahl, so wie Bill wohl auch keine andere gehabt hatte. Ich drückte ab.

Das nächste was ich bewußt verspürte waren die schmerzhaften Gurte, die mich in den Sitz preßten. Ich befand mich wieder im Transporter. Nur langsam wurde mir klar, was eigentlich geschehen war. Die explodierenden Granaten so dicht vor mir hatten mich rückwärts durch den Gang geschleudert. Mein Hintermann hatte dabei richtig reagiert und war, als ich schoß, an die Seite ausgewichen. Ich flog an ihm vorbei als er das Feuer auf das Alien eröffnete. Es war zwar schwerverletzt durch die Explosionen in seinem Körper aber es griff trotzdem noch an. Die Granaten meines Kameraden streiften das Alien nur. Es bewegte sich einfach zu schnell. Als ich im Gang aufschlug und mich sofort wieder aufrichtete, trotz der Benommenheit die mein Körper erfüllte, sah ich wie das Alien meinen Kameraden zerpflückte. Ich zertrümmerte es mit dem Granatwerfer ebenfalls in mehrere Teile.

Der weitere Rückzug zum Sammelplatz verlief ohne erneuten Angriff. Ich selbst nahm dabei alles wie im Traum war. Ich diagnostizierte mir selbst einen Schockzustand. Der Transporter kam von seiner Warteposition herunter lud uns ein und zog schnell wieder hoch. Die Sitze im inneren der Maschine waren bei der Landung noch alle besetzt gewesen. Jetzt aber klafften große Lücken in unseren Reihen. Aber unsere Mission war erfüllt worden.

ENDE

Geschrieben von Andreas Blome